Kap Verde
Sal, Kap Verde. Nicht viel grün, erstmal eher karges Land, dafür umso buntere Häuser erwarten uns auf dem Festland. Ehrlicherweise haben wir in Palmeira einen Hafen erwartet, es stellt sich jedoch heraus, dass es hier gar keinen Hafen, so wie wir ihn kennen, gibt. Wir ankern mit vielen weiteren Schiffen in der Bucht vor der kleinen Stadt. Dass es keinen Hafen gibt, bedeutet für uns kein frisches Wasser, um die Schiffe und Segelkleider vom Salz zu befreien, kein frisches Wasser für unsere Wassertanks, mit dem wir vor allem Geschirr und Hände waschen und keinen Strom, um unsere Bordbatterie zu laden. Zum Glück sind Tanks und Batterien noch halb voll und wir können noch ein bis zwei Wochen ohne nötige Infrastruktur weiterreisen. Unsere To-Do-Liste ist dieses Mal kleiner als nach anderen Überfahrten und wir sind sehr froh drum. Wir merken schnell, dass wir hier für alles mehr Zeit benötigen. Mit einem Mix aus Französisch, Spanisch und Englisch finden wir von Zeit zu Zeit heraus, wo wir unseren Müll entsorgen können, wann der kleine Lebensmittelladen geöffnet ist und wo wir einklarieren können. Die Menschen sind sehr freundlich und helfen uns gerne bei allem Möglichen. Auch sonst verändern sich ein paar Dinge. Die meisten von uns haben nun kein Internet mehr und wir müssen uns extrem gut absprechen wie wir uns beispielsweise für ein gemeinsames Znacht an Land wieder treffen.
Lange bleiben wir nicht in Palmeira, nach 2.5 Tagen segeln wir weiter in den Süden der Insel. Am Strand, ganz im Süden der Insel, ist es jedoch sehr windig und touristisch. Das Kiter-Herz schlägt jedoch bei dem Wind etwas höher! Wir geniessen einen Tag Kiten, Wing-Foilen und viel Sünnelen. Kurz glauben wir, dass wir selbst zu einer Touri-Attraktion werden. Den ganzen Tag hindurch kommen immer wieder kleine Holzboote zwischen unsere beiden Schiffe, gefüllt mit Feriengästen. Irgendwann realisieren, dass wir wohl direkt über einer kleinen Tauch-Attraktion geankert haben. Ein paar Meter neben uns, wurde ein kleine Steinstatue mit ausgebreiteten Armen versenkt, der viele Schnorchler*innen anlockt. Wir entscheiden schnell weiterzusegeln. Die Entscheidung darüber wo wir hinwollen, wird jedoch nicht ganz einfach. Obwohl wir uns einig sind, dass wir gerne Anfangs Januar über den Atlantik würden, haben wir uns nicht auf denselben Zeithorizont eingestellt. Mit Schrecken müssen wir feststellen, dass unsere Zeit auf den Kap Verden sehr kurz wird, einige würden eigentlich in wenigen Tagen gerne los. Dies wiederum würde bedeuten, dass wir auf direktem Weg nach Mindelo segeln sollten um uns für die Überfahrt vorzubereiten.
Mindelo liegt auf São Vicente, eine der westlichsten Inseln der Kap Verden, bietet eine gute Infrastruktur und Einkaufsmöglichkeiten und wird unser letzter Hafen vor der Überquerung sein. Andere würden gerne noch eine weitere Insel auf den Kap Verden sehen und können sich gut vorstellen einige Tage später loszugehen. Wir sind uns nicht mal einig, wie viele Tage wir im Hafen von Mindelo benötigen. Einige hätten gerne mehr Zeit im Hafen, andere würden gerne länger in Buchten bleiben und nur so kurz wie möglich im Hafen liegen. Ein weiteres Thema dieser Diskussion ist die Crew-Aufteilung. Wir hatten mal angedacht, die Crews eventuell vor der Überquerung nochmals durchzumischen. Jetzt merken wir, dass es wenig Sinn macht, kurz vor einer solch grossen Etappe, die eingespielten Crews nochmals zu wechseln. Wir einigen uns also darauf, die Crews abgesehen von einer kleinen Änderung bestehen zu lassen. Und wir beschliessen, von den Kap Verden noch eine weitere Insel mitzunehmen, und steuern Boa Vista an.
Auf der schönen Insel, südlich von Sal, verbringen wir die letzten zwei Tage vor dem neuen Jahr. Wir sind in einer wunderschönen grossen Bucht, unglücklicherweise mit viel Schwell. Es ist hier nicht möglich die Schiffe im Päckli zu haben und das Anlegen mit dem Dingi an Land ist abenteuerlich. Wie wir übrigens feststellen müssen, ist das in dieser Bucht keine Ausnahme. Es ist tatsächlich öfters sehr abenteuerlich mit dem Dingi am Strand anzukommen, meistens werden wir ganz am Schluss doch noch von einer grossen Welle erwischt, die uns nicht selten alle und alles nass macht. Wir sind die Tricks und Kniffs noch am explorieren, schmeissen uns tatsächlich aber nicht selten in Badkleider oder Segelhosen und Gummistiefel, um jemanden am Strand oder vom anderen Schiff abzuholen.
Unser Silvesterprogramm ist kurz aber schön. Wir haben uns bereits an die einfache Menu-Karte von Kap Verde, welche normalerweise aus Reis, Gemüse, Fleisch oder Fisch besteht, gewöhnt. Zur Feier des Tages gibt es aber an diesem Abend Pizza. Die Pizza wird hier ungewohnter Weise ohne Mozzarella zubereitet, sondern mit Kap Verdischem Ziegenkäse. Zum Jahreswechsel befinden wir uns auf dem Hauptplatz von Sal Rei, der Inselhauptstadt, und lassen uns vom Bürgermeister "un feliz ano novo!" wünschen, tanzen und bestaunen das Neujahrsfeuerwerk. Um 01.00 Uhr sitzen wir wieder sehr müde in unseren Dingis zurück zu den Schiffen. Am nächsten Morgen geht es früh los, wir wollen bei Sonnenaufgang lossegeln nach Mindelo.
Die Überfahrt dauert einen Tag und eine Nacht. 134 Seemeilen legen wir zurück. Mit durchschnittlich 15 Knoten schiebt uns der Nordwind Westwärts. Im Gegensatz zu unserer allerersten Überfahrt von Sardinien nach Menorca im November, sind wir in der Kommunikation von Schiff zu Schiff viel besser und routinierter geworden. Jedes geplante Manöver wird per Funk abgesprochen, so bleiben wir immer in Sichtweite. Naja, im Gegensatz zu dieser ersten Überfahrt funktioniert mittlerweile auch unser Funk zuversichtlich, was dies natürlich um einiges einfacher macht. Es klappt schon sehr viel, und doch gibt es noch immer Luft nach oben. Wir sind uns oft, aber nicht immer, einig, wann wir reffen sollten. Gerade bei dieser Überfahrt hat dieses Thema bei einigen negative Gefühle hervorgebracht. Was natürlich zum einen daran liegt, dass per Funk schneller Missverständnisse entstehen, aber auch, dass nicht immer darauf gehört wird oder der Ehrgeiz etwas zu stark durchblitzt, wenn der erste Vorschlag zum Reffen kommt. Wir wollen jedoch so segeln, dass sich alle sicher fühlen und dass das Material nicht unnötig belastet wird. Wir wollen so kommunizieren, dass sich jeder Input berechtigt anfühlt. Nach mehreren Nachbesprechungen einigen wir uns nun endgültig darauf, auf das erste Bauchgefühl zu hören.
Mit den ersten Sonnenstrahlen des 2. Januars kreuzen wir in die grosse Bucht vor Mindelo, auf der Insel Sâo Vicente. Dshame funkt, "Mindelo Marina, Mindelo Marina, Mindelo Marina, this is Sailing Catamaran Solea, Solea, Solea. We were wondering if you have boxes for two ships the following dimensions…", während Theo Kaffee aufsetzt. Dshame und Aurel sitzen immer noch am Steuer, sie sind seit mehreren Stunden wach. "Solea, Solea, you are going the wrong way, keep starboard", funken uns die Hafenmitarbeiter. Wir suchen winkende Hände, die uns unseren Platz im Hafen zeigen sollen. "Bom dia", begrüssen uns die Hafenmitarbeiter freundlich und reichen uns die Moorings um unser Schiff zu befestigen. Wenig später nimmt auch Planado gegenüber am Steg die Moorings entgegen. Nach dem anlegen, setzen wir schnell den ersten Fuss in die Stadt und suchen einen Ort um gemeinsam zu Frühstücken. Wir haben uns langsam an das gewöhnt was nun folgt. Die altbekannte To-Do-Liste, die hier wieder etwas länger ist als in Palmeira und die wir in den folgenden Tagen abarbeiten wollen.
Wir spritzen alles mit Süsswasser ab, putzen alle Oberflächen, Seile und Segelkleider. Wir putzen die Küche, das Klo und die Bilgen. Wir schauen was es noch an Lebensmittel hat und schreiben eine Einkaufsliste. Wir bringen den Müll weg und füllen die Süsswassertanks. Wir füllen die Benzinkanister vom Dingi auf und kaufen Gas, damit wir weiterhin kochen können. Wir kaufen Lebensmittel ein, schleppen 700l Trinkwasser und waschen Wäsche. Zu der Vorbereitung für die Überquerung gehört auch die Luft von den Dingis abzulassen und diese zu verstauen. Ausserdem erneuern wir ein paar Dinge an den Schiffen. Vor allem spleissen wir viele Beschlagspunkte neu. Diese werden beim vielen Segeln sehr belastet und es fühlt sich richtig an diese genug früh zu erneuern.
Kurz vor der geplanten Abfahrt wird klar, dass Dshame aufgrund einer familiären Angelegenheit nach Hause in die Schweiz fliegen muss. Wir beschliessen auf ihn zu warten und wollen in dieser Zeit noch mehr von den Inseln entdecken. Wir segeln am 9. Januar rüber auf die westlichste Insel der Kap Verden, Santo Antão und lassen unseren Anker in einer Bucht ganz im Süden fallen.
Die kleine Ortschaft Tarrafal, besteht aus einer einzigen gewundenen gepflasterten Strasse, wenigen bunten Häusern, einem breiten schwarzen Sandstrand und im Wasser die typischen bunten, hölzernen Fischerboote. Die Tage hier sind sehr wohltuend! Es fühlt sich an wie zusätzliche Zeit. Ein kleines Zeitfenster, für das noch Niemand irgendwelche Pläne geschmiedet hat. Wir haben einfach mal Zeit miteinander und füreinander! Endlich kann unsere Transatlantik-Olympiade stattfinden. Einen Nachmittag lang rennen wir zusammen über den Strand, üben uns in Pyramiden, buddeln Löcher und schwimmen um die Wette. Es ist immer schön, wenn wir die Energie haben, alle gemeinsam etwas zu unternehmen.
An den restlichen Tagen sind wir viel am Lesen, Spielen und Kochen. Leider wird unser Gemüse dieses Mal schnell schlecht. Aus dem Gemüse machen wir viel Sugo, aus den Bananen mehrere Bananenbrote. Und während Nici und Theo immer noch grössere Löcher am Strand buddeln, verlassen Jakob und Aurel die abgelegene Bucht um für zwei Tage in den Norden der Insel zu reisen. Sie planen einen Wanderausflug in das grüne Cova-Paúl-Tal, mit Übernachtung in der Hängematte. Eine weitere kleine Gruppe folgt den beiden am Tag darauf um das schöne Tal mit eigenen Augen zu betrachten. So schön es auch ist, Zeit in der ganzen Gruppe zu verbringen, so wohltuend ist es auch, wenn wir in kleineren Gruppen unterwegs sind. Aurel, Jakob, Léonie, Noah, Annso und Iuna suchen also frische Maracujas und verwinkelte Wanderwege im Norden und Celina, Carmen, Theo, Flo und Nici hüten in der Zeit die Boote und schlürfen Caipirinha's an der Strand-Bar.
Nach 5 Tagen segeln wir zurück nach Mindelo. Dshame ist auf dem Rückweg. Nun heisst es wohl endlich bald: "Leinen los", wir segeln über den Atlantik!