Von den Kanaren nach Cabo Verde
Nach einem kurzen Zwischenstopp auf La Gomera (Kanaren), bei dem sich alle Kranken erholt und alle Gesunden frische Energie getankt haben, starten wir am 20. Dezember 2025 unsere Überfahrt nach Kap Verde.
Es ist 13:15 Uhr und der Abschied der beiden Crews fällt kurz aus, denn wir haben uns vorgenommen, um 13:00 den Anker zu lichten. Wir wollen uns selbst beweisen, dass man sich auch in einer Gruppe von zwölf Personen an einen Zeitplan halten kann. Mehr oder weniger erfolgreich... Zugleich ist der Abschied auch überraschend emotional, denn wir werden auf dieser Überfahrt Weihnachten feiern. Diese Weihnachten nicht zu Hause zu sein, darauf haben wir uns eingestellt. Dass wir an Heiligabend aber auf hoher See und nicht alle zusammen sein werden, kommt unerwartet. Um 13:20 drücken wir uns ganz fest, wünschen einander schöne Festtage und kurbeln den Anker hoch.
Vor uns liegen 800 Seemeilen, hundert Seemeilen mehr als die bereits zurückgelegte Strecke von Gibraltar zu den Kanaren. Wir freuen uns riesig auf Kap Verde und erwarten, dass es in unterschiedlichen Aspekten ganz anders sein wird, wie alles, was wir bisher auf der Reise erlebt und gesehen haben.
Für einige wenige von uns ist es das erste Mal, dass sie sich ausserhalb Europas befinden. Auch für den Rest der Gruppe ist diese Erfahrung eine ganz andere, als auf bisherigen Reisen. Wir erleben, wie die Kultur und die Landschaft sich langsam verändern. Wir beobachten wie die Küste im Süden von Spanien unglaublich karg und wie sie im Norden von Marokko wieder viel grüner wird. Wir beobachten wie Pflanzen und Tiere langsam unbekannt werden. Obwohl beispielsweise in Santa Cruz de Teneriffa noch vieles an unsere Heimat erinnert, gibt es Bäume mit Stacheln auf der Rinde und Kanarienvögel im Park. Für uns eine eher ungewöhnliche Erfahrung. Was seit Gibraltar mehr oder weniger gleich bleibt, sind Wind und Wellen. Wir befinden uns nun endlich in der Passatzone. Auch dieses Mal werden wir schnell von grossen trägen Atlantikwellen erfasst und der Wind schiebt uns mit circa 15 Knoten weiter in den Süden.
Die ersten Tage der Überfahrt verlaufen sehr angenehm. Wir sind mittlerweile in den neuen Crews angekommen und fühlen uns wohl in der gemeinsamen Routine. Auf Solea läuft ein Tag und eine Nacht in etwa folgendermassen ab: Obwohl wir etwas gestaffelt aufstehen, sind meistens alle pünktlich zum Zmorgen-Avocado-Ei-Super-Toast auf Deck. Anschliessend verbringen wir dann 1-2 Stunden zusammen im Cockpit. Wir studieren an Kreuzworträtseln und hören Musik. Wenn der Wind schön von hinten kommt und die Bedingungen somit eher ruhig sind, rollen wir zwischendurch unsere Yogamatten aus. Wir kochen viel, manchmal einfach und zwischendurch auch spektakulär. Meistens wird es dann bereits wieder dunkel und wir entscheiden, wer welche Nachtschicht macht. Wir lassen uns vom Schaukeln des Schiffs in den Schlaf wiegen und versuchen uns von der zunehmenden Feuchtigkeit, die sich schnell in den Rümpfen bildet nicht stören zu lassen. Wenn wir mitten in der Nacht geweckt werden, stehen wir tapfer für unsere Schicht auf. Wir trinken viel Tee, betrachten die Sterne und halten zwischendurch via Funk ein Schwätzchen mit der Planado-Crew. Seit neustem behalten wir immer unsere Kapuzen oben, denn seit Gibraltar werden wir regelmässig von fliegenden Fischen überrascht. Sie verirren sich im Flug auf unser Schiff, oder eben auch in Léonies Nacken. Deshalb die Kapuzen.
Auch der 24. Dezember gestaltet sich ähnlich wie jeder andere Tag auf See und das ist wunderbar. Vielleicht macht es der Chai-Tee aus, der von Dshame mit viel Zimt und viel Liebe angerührt wird, der uns dann doch ein wenig in Weihnachtsstimmung bringt. Oder es geht beim Weihnachten feiern wirklich einfach ums Zusammensein mit seinen Liebsten. Obwohl wir unsere Familien natürlich ein wenig vermissen, fühlt sich dieses Zusammensein ganz weihnachtlich an. Auf Planado werden fleissig Mailänderli gebacken und auf Solea ein solch aufwendiges Znacht geplant, dass die Crew fast ein wenig in Stress kommt. Auch das erinnert irgendwie an Weihnachten. Am 25. Dezember kommen wir nach exakt 5 Tagen und einem stolzen 7ner Schnitt (7 Knoten Fahrt pro Stunde) auf Sal, Kap Verde, an.
Auch der zweite Weihnachtsabend, den wir nun alle 12 zusammen und entspannt vor Anker verbringen, wird sehr schön. Wir kochen ein Curry und schmücken unseren Baum mit selbst gefalteten Tieren. Unser Baum ist zwar weder grün noch nadelig, dafür trägt er unser Grosssegel und dient uns heute Abend als Weihnachts-Baum. Geschenke gibt es auch. Jede und jeder hat jeweils einer anderen Person in den letzten Wochen ein kleines Geschenk organisiert. Von Duft-Ölen und selbstgebastelten Girlanden bis hin zu Jakob's Last-Minute-Geschenk, ein Kap Verdisches Spiel aus Holz, ist alles Mögliche dabei. Wir trällern ein paar Weihnachtslieder und erfreuen uns nun zum zweiten Mal in Folge ab süssem selbstgebackenem Lava-Cake.
Glücklich und müde fallen wir ins Bett, mehr als bereit, am nächsten Tag die neu angelaufene Insel zu erkunden.