Grenada, St. Vincent und die Grenadinen, Martinique

Wir haben uns sehr wohl gefühlt auf den Schiffen während der Überfahrt und doch ist das nicht zu vergleichen mit dem Wohlfühlen wenn das Schiff sicher im Hafen liegt. Am ersten Morgen nach unserer Ankunft, nach der erholsamsten Nacht seit Kap Verde, hüpft Annso ganz aufgeregt, schon im Bikini, am Steg. Sie hat einen Pool gefunden. Die Marina hat nicht nur Duschen, zwei Restaurants und WLAN, sondern auch einen wunderschönen Pool. Wir fühlen uns in den ersten Tagen in der Karibik als hätten wir all-inclusive Ferien gebucht. Wir geniessen das sehr.

Grenada lässt mit ihrer Kultur nicht lange auf sich warten. Bereits am zweiten Tag nach unserer Ankunft ist in Grenada Independence Day und wir wohnen den Festlichkeiten im örtlichen Stadion bei. Mit grossen Augen sitzen wir am Rand, schlürfen an unserem Kokosnusswasser und beobachten Gesang, Tanz und spielende Kinder.

Wir verbringen ganze fünf Tage in der Marina Port Luis, putzen die Schiffe raus, waschen viele Kleider von Hand, füllen unsere Vorräte auf, pumpen unsere Dingis wieder auf und telefonieren viel mit unseren Liebsten. Wir können es aber auch gar nicht abwarten, das Land kennenzulernen und Nici übernimmt zügig die Aktivitäten-Planung. Wir probieren uns durch lokalen Rum und erkunden die Gewürze und Kräuter der Insel. Wir beschliessen im Anschluss etwas in den Norden zu segeln und ankern in einer Bucht wenige Meilen entfernt von St. George, Grenadas Hauptstadt.

Wir sind alle aufgeregt und froh nun endlich in der Karibik und wieder alle zusammen zu sein. Und doch ist die Stimmung immer wieder angespannt. Wir müssen besprechen wie es weitergeht und nicht alle 12 haben dieselben Vorstellungen und Bedürfnisse. Während einige sich mehr Zeit wünschen um anzukommen, zieht es die anderen möglichst schnell weg von Grenada und in die Grenadinen. Wir entscheiden, Grenada hinter uns zu lassen und segeln zur traumhaften Saline Island. Die Insel ist so klein, dass es keine Zivilisation gibt, dafür umso mehr Muscheln, weisser Sand und eine bunte Unterwasserwelt.

Auf dem Weg hierhin hat sich das Dingi auf Solea, welches wir für Überfahrten immer auf dem Netz festbinden, mit Spritzwasser gefüllt und das Netz ist unter dem Gewicht durchgerissen. Zum Glück haben wir es früh genug bemerkt und wir konnten das Dingi sicher bergen bevor es in voller Fahrt runterfallen konnte. Wir verbringen unsere Tage hier vor Anker also damit, ein neues Netz zu spannen und zu Schnorcheln. Die Inseln hier liegen so nah beisammen, dass man sich von einer Insel mit der Strömung zur nächsten treiben lassen kann. Ausgerüstet mit Schnorchel und Flossen, begleitet von Schildkröten, verbringen wir viele Stunden im Wasser. Von Saline Island segeln wir weiter nach Union Island. Es ist die erste Insel, die zum neuen Inselstaat St. Vincent und Grenadinen gehört und es ist auch die Insel, die am meisten vom Hurricane Beryl zerstört wurde. 

Im Jahr 2024 zog ein Hurricane über die Grenadinen und es ist extrem eindrücklich, wie man die Folgen noch immer sieht. Überall sind Ruinen und Schutthaufen, zerstörte Wälder und Wohngebiete. Der Wiederaufbau geht nur schleichend voran, es fehlt an allen Enden an Geld und Unterstützung der Regierung. Der Hurricane brachte so viel Zerstörung und war für viele Menschen hier etwas vom Schlimmsten, was sie je erlebt haben. Niemand hat einen Schutzkeller oder überhaupt einen Keller. Viele hatten sich in der Küche oder im Bad in Sicherheit gebracht und gehofft, dass diese standhalten. Tatsächlich stehen inmitten vieler Ruinen noch immer Küche und Bad, da dies oft die einzigen Räume aus Beton sind. Wir bekommen hier besonders stark zu spüren, wie wenig gewisse Menschen haben, und wie viel wir. Die Art wie wir Reisen beisst sich bei diesem Anblick frappant mit der Situation hier. Wir kochen gerne selbst, waschen gerne selber, streifen gerne ohne Begleitung und auf eigene Faust durch die Landschaft, wollen gerne Geld sparen. Doch die Menschen hier würden nichts lieber als uns jeden Abend bekochen und uns auf Touren ihr Land zeigen - es fehlt auch an Arbeit, sie könnten unser Geld gut gebrauchen. Zudem scheint Tourismus hier eine der wenigen Einkommensquellen zu sein. Wir versuchen also einen Weg zu finden, um uns und unseren Möglichkeiten treu zu bleiben, jedoch auch die lokalen Unternehmen und Personen durch ihre Dienstleistungen zu unterstützen. Je nördlicher man kommt, desto geringer sind die Schäden. Die Spuren der Verwüstung findet man aber durch die ganzen Grenadinen.

Auf Union Island treffen wir uns am Strand für eine ausführliche Karibik-Planung. Gar nicht so einfach zu zwölft so etwas zu planen… Auf welche Inseln wollen wir und wie lange? Stimmt das überein mit den Distanzen auf die wir Lust haben zu segeln? Auf wann setzen wir die Rückfahrt an? Wo gibt es überhaupt gute Infrastruktur, um sich gut auf die West-Ost Passage vorzubereiten? Wir beschliessen, als nächstes Martinique anzusteuern, dann Dominica und ziehen die Marina auf Guadeloupe als Absprunghafen in Betracht. Gerne wären wir auch noch zu den grossen Antillen, bis zu den British Virgin Islands (BVI) gefahren. Wir sind jedoch alle etwas Müde von vielen längeren Überfahrten und sind froh um kleinere Etappen und zahlreichere Strandtage. Wir sind uns einig, dass es nicht viel Sinn macht die Karibik-Zeit bis zum Schluss bis ins Detail durchzuplanen und schliessen die Runde mit einem eher gröberen Plan und einer Runde Piña Colada. 

Nach Union Island besuchen wir in den Grenadinen noch Mayreau und die Tobago Cays - wie aus einem Karibik-Bilderbuch. Leider etwas viele Charter-Schiffe und überhebliche Bootsbesitzer:innen. Aber das gehört wohl oder übel zu dem Segelgebiet der Karibik, und wir sind auch Teil davon. Auf Bequia finden Noah, Léonie und Nici die Möglichkeit für einen tollen Tauchgang. Dann klarieren wir aus und verabschieden uns von den Grenadinen. 

Wir ziehen weiter nördlich bis nach Martinique. Dass wir in der Karibik konstant den Wind von vorne haben werden, hatten wir nicht erwartet. Nach wochenlangem Raumwindfahren müssen wir uns erstmal wieder ans Amwindfahren gewöhnen. Es ist mit unseren Open-Deck Katamaranen nass und kalt aber wir kommen gut voran, und können um die 35 Grad am Wind aufkreuzen. Die Überfahrt von Bequia nach Martinique ist seit der Atlantik-Überquerung die erste Nachtfahrt und auf Planado richten sich die vier Personen, die in den Bugkojen wohnen, im Salon ein, in der Hoffnung, im Heck vom Schiff etwas ruhigeren Schlaf zu bekommen. Beim Amwindsegeln und starkem Wellengang wird man in den Bugkojen regelrecht umhergeschleudert. Wir wundern uns, wie wir uns auf der Rückfahrt organisieren werden. Im Dunkeln segeln wir an St. Lucia vorbei und sind froh um den Wind- und Wellenschatten, der die Insel bietet. Bei Morgengrauen kreuzen wir in die Marina Le Marin auf Martinique.

Mit Regen und frischen Croissants werden wir von der französischen Insel begrüsst. So fest wie es uns auch irritiert auf einer karibischen Insel zu sein, die sich so stark nach Europa anfühlt, so fest geniessen wir auch die Vorzüge eines Carrefours und Camemberts. Es fühlt sich ein bisschen an wie Pause von unserem Abenteuer, Pause von der Fremde. In den ersten Tagen auf Martinique absolviert ein Grüppchen einen Kite-Kurs und alle sind innerhalb weniger Tage total angefressen. Trotz den vielen Vorzügen dieser wunderschönen Inseln, merken wir, dass wir nun doch schon lange Zeit unterwegs sind. Die Luft ist im Moment bei vielen etwas raus, manche spüren es mehr, manche weniger. Verschiedene Gespanne ziehen für ein paar Tage über Land ins Grün, die anderen segeln weiter und wir treffen uns in neuen Buchten wieder. 

Von Le Marin aus verabschieden sich, ausgerüstet mit Rucksäckli, Wanderschuhen  und Yogamatte die ersten von unserer Gruppe. Annso möchte die Insel zu Fuss erkunden, Carmen wünscht sich ein paar Tage Ruhe und Sein mitten im Regenwald. Die anderen segeln die Schiffe in die Nähe von Fort-de-France, der Hauptstadt von Martinique. Es ist Freitag und Jakob und Aurel würden am Wochenende gerne mal wieder ein wenig Stadt erleben. Von hier aus verabschieden sich dann die nächsten fünf von uns, mit dem Ziel, im Regenwald für ein paar Tage auf Wanderschaft zu gehen. Dafür kommt die erste „Ferien-Truppe“ mit aufgefüllten sozialen Batterien zurück. Wir segeln jeweils zu dritt und zu viert weiter in den Norden. Unser Ziel ist Saint Pierre. 

Saint Pierre ist ein kleiner idyllischer Ort. Zwischen Palm- und Bananenblättern und kleinen bunten Holzhäusern liegen alte Mauern, die an die einst so pompöse Kolonialstadt erinnern. „Paris der Karibik“ wurde die Stadt auch genannt und war die Hauptstadt der Insel. Das Wasser in dem wir ankern ist glasklar, die Küste üppig grün und zum ersten mal sehen wir Pelikane, die hier ihre Runden fliegen. Von unseren Schiffen schauen wir auf einen hohen Vulkan dessen Gipfel Wolkenschleier umhüllen. Die früher hier ansässigen Locals nannten den Vulkan „Feuerberg“. Die Franzosen nannten ihn dann zum harmloseren „Mont Pelee“ um. 1902 ist der Vulkan ausgebrochen und hat das „Paris der Karibik“ innerhalb von Minuten zum „Pompeii der Karibik“ verwandelt. Während sich Iuna fleissig mit der Geschichte des Städtchens auseinandersetzt und von Ruine zu Ruine spaziert, besteigen Carmen, Annso, Noah, Flo und Dshamme den steilen Vulkan. Martinique steht also ganz unter dem Motto Wandern, viel Grün und viel Zeit in kleineren Gruppen. Wir sind alle mit frischer Energie und neuer Verbundenheit wieder zurückgekehrt und haben uns extrem gefreut, weiter die Karibik zu erkunden. Die zwei Wochen Martinique haben uns gut getan.

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Dominica, Marie-Galante, Antigua

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Atlantiküberquerung Kap verde - Grenada