Atlantiküberquerung Kap verde - Grenada
Zwei Schiffe, Solea und Planado, mitten auf dem Atlantik, auf dem Weg in die Karibik. Für viele Segelnde ist diese Etappe ein Meilenstein und auch wir freuen uns schon lange darauf. Und auch wenn der ganze Weg, jedes kleine Stückli, genauso Teil dieser Reise ist, ist diese Überfahrt, von Kap Verde nach Grenada, einzigartig.
Weil wir auf dieser Reise mit zwei verschiedenen Schiffen unterwegs sind und bei grösseren Etappen die Erfahrungen deshalb nicht ganz dieselben sind, möchten wir mit kurzen Auszügen aus unseren Tagebüchern ein möglichst breites Bild zeichnen. Iuna beschreibt die Tage auf der Planado, Celina das Segeln auf der Solea.
Tag 1 - 22. Januar 2026
Planado
Kurz vor Mittag segeln wir los. Der Moment ist so schön, wir würden ihn am liebsten direkt noch einmal erleben. Bei der Ausfahrt aus dem Hafen pusten wir fleissig in unser Nebelhorn und von anderen Schiffen wird uns ebenfalls wild zugetrötet. Wir winken und sie winken, und wir tröten, und sie tröten! “Bon Voyage!” schreit man uns nach. Es ist ein einzigartiger Moment, den man teilt. Viele, die mit ihrem Schiff hier im Hafen liegen, haben schliesslich dasselbe vor. Man freut sich füreinander, fiebert mit und ist stolz.
Kaum flacht die grosse Aufregung etwas ab, merke ich, wie ich runterfahren muss. Zuerst drehen sich meine Gedanken noch wild. Wir sitzen alle zusammen im Cockpit, dick in Segelkleider eingepackt. Die Wellen sind sicher drei Meter hoch und der Wind hat bis zu 30 Knoten Geschwindigkeit. Wir haben unser Grosssegel im dritten Reff. Wir reden kaum. Und dann, irgendwann, denkt der Kopf langsamer und es breitet sich Luft aus. In meinen Gedanken und in meinem Brustkorb. Nach drei Stunden ist der heutige Morgen, andere Menschen, oder alles andere was an Land gehört, schon sehr fern. Übrig sind nur wir und die Wellen. Im Hintergrund sehen wir noch lange die Hügel von Mindelo. Sie werden mit jeder Stunde blasser.
Tag 2 - 23. Januar 2026
Solea
Um halb sieben UTC beginnt meine Morgenschicht. Die Küche ist jetzt schon in ein riesen Chaos gestürzt. Die ganzen schwarzen Gemüsekisten hat es von der Ablage gefegt und alles liegt verstreut im Salon. Eine Flasche Tamarindenschnaps ist zerbrochen und alles ist klebrig. Während unserer Morgenschicht beseitigen wir zuerst mal das Chaos und backen dann ein Brot. So vergehen die Morgenschichten schnell. Nach vier Stunden werden Dshame und ich von Carmen und Jakob abgelöst.
Am späten Nachmittag machen Jakob und ich ein gutes Reff Manöver, wir haben uns heute immer wieder vom dritten ins zweite Reff getraut, weil der Wind ein bisschen nachgelassen hat. Es wird den ganzen Tag schon hin und her gewechselt. Zum Tagesabschluss mache ich noch einen Brotteig, der über Nacht aufgehen darf, bis wir ihn in der nächsten Morgenschicht wieder in den Ofen schieben.
Tag 3 - 24. Januar 2026
Planado
Es ist einfach viel zu toll, was wir hier machen, denke ich, während ich in die Wellen schaue. Heute schaue ich viel in die Wellen. Sie sind immer noch sicher drei Meter hoch, die Abstände sind jedoch breiter geworden. Wir werden träge von ihnen vorwärts geschoben. Wind zwischen 18 und 25 Knoten. Ich fühle mich mega wohl auf diesem kleinen Schiff, mitten im unendlich weiten Ozean.
In den ersten zwei Tagen musste sich unser Magen noch etwas an den Seegang gewöhnen. Heute fühlen wir uns endlich stabil. Zum Frühstück trinken wir Cappuccino, zum Zmittag gibts Nudelsalat. Léonie und ich sind ein gutes Team in der Küche. Nici und Flo sitzen am Tag viel am Steuer. So haben wir das bereits vor der Überfahrt besprochen. Wer weniger kocht, steuert dafür während dem Tag mehr. Nici kraxelt mit einem Eimer auf dem Netz umher und sammelt die leider verendeten fliegenden Fische ein. Per Funk teilt uns Celina ihre Bedenken bezüglich Essen und WC-Papier mit. Könnte knapp werden, denkt sie.
Tag 4 - 25. Januar 2026
Planado
Wind und Welle haben abgenommen. Wir reffen aus und segeln den ganzen Tag im Butterfly. Das bedeutet, dass wir das Grosssegel auf einer Seite haben und das Vorsegel auf der anderen und so platt vor den Wind können. Es wird wärmer! Sogar Flo, unser ewiges Gfröhrli wagt sich aus den Segelkleidern.
Es ist meine dritte Nachtschicht mit Léonie. Wir hören unermüdlich 2000er Songs, ein Hit nach dem anderen. Jetzt haben wir dann bald jeden Track gehört, den wir in diesem Genre heruntergeladen haben. Zu Forever Young von Alphaville halten wir fest: Im Endeffekt geht es doch darum, dass man Geschichten zu erzählen hat. Es sind wahrscheinlich die inspirierenden und bewegenden Momente, die einem in Erinnerung bleiben und so irgendwann zu Geschichten werden. Wir glauben, dass das schon gut ist, was wir hier machen. Wenn wir dann alt sind, können wir bestimmt noch lange von diesen Geschichten zehren.
Tag 5 - 26. Januar 2026
Solea
Seit ein paar Tagen mache ich die Morgenschichten immer mit Aurel. Der gleichbleibende Rhythmus fühlt sich für alle stimmig an. Der Schichtplan ist jetzt auf beiden Schiffen eingespielt und gleichbleibend. Zum Zmorgen gibt es heute Pancakes, lustigerweise auch auf Planado. Danach bin ich einfach gesessen. Nichts machen ist nirgends so leicht wie beim Segeln. Man hat soviel Zeit um seinen Gedanken zu lauschen und ihnen Raum zu geben. Am Nachmittag duschen heute die ersten.
Duschen während der Atlantik-Überfahrt:
Man nehme sich einen Eimer mit Seil dran, eine alte Trinkflasche mit Löchern im Deckel, gefüllt mit Süsswasser aus dem Tank, Shampoo, Kamm und Abtrocknungstuch.
Man begebe sich nach vorne aufs Netz (Achtung, gut festhalten!).
Man hält den Eimer gut am Seil fest und wirft den Eimer gleichzeitig über Bord, bis er voll mit Salzwasser ist.
Man leere den Eimer über sich (Achtung, es entweicht meist ein Quietschen, weil es ein bisschen kalt ist.).
Man seife sich gut ein, so wie normal auch.
Man hieve den Eimer mit Salzwasser hoch und spüle sich ab.
Man befreie sich vom Salz, mit Süsswasser aus der Trinkflasche.
Man klettere wieder vorsichtig, am Besten auf allen Vieren, zurück ins Cockpit.
Mich quält leider ein Schnupfen, deshalb bleibe ich heute lieber mal trocken und mache mir heisses Wasser mit ätherischen Ölen zum inhalieren. Sehr wohltuend. Trotz Erkältung bin ich sehr zufrieden und glücklich. Heute Nachmittag dekorieren wir unsere Kojen. Es hängen jetzt überall Poster aus der Bravo. Bei uns hängt Sabrina Carpenter.
Am Nachmittag probieren wir aus, ob vor dem Wind Abkreuzen schneller ist, als im Butterfly den direkten Weg zu segeln. Weil mit Fock und Gross auf der gleichen Seite, hat man zwar mehr Strecke, aber man ist schneller unterwegs, als wenn man im Butterfly segelt. Rein theoretisch sollte das Abkreuzen schneller zum Ziel führen. Also nehmen wir die Segel auf dieselbe Seite, Planado bleibt im Butterfly als Referenz.
Tag 6 - 27. Januar 2026
Planado
Ein schöner Morgen! Bisschen Peter Reber hören und zusammensitzen. Mitten unter der prallen Sonne. Flo sitzt am Steuer und grinst schon wieder so zufrieden, wir sind es alle auch. Heute verbringe ich den ganzen Tag in der Küche. Gnocchis machen ist ein riesen Projekt! Dazu höre ich Sternstunde Philosophie und Züri West.
Eigentlich versuchen wir bei Sonnenuntergang ins Bett zu gehen, um so sicher drei bis vier Stunden Schlaf zu bekommen, bevor unsere Schicht um Mitternacht losgeht. Wir schlafen jedoch meistens nicht viel bevor wir wieder geweckt werden. Unser Bett ist feucht und es ist sehr heiss. Noch nie haben uns diese Umstände aber zu müde gemacht für eine Nachtschicht.
Solea
Nachdem ich den Morgen und Vormittag mit Podcast lauschen, schlafen und Hörbuch hören verbracht habe, diskutieren wir zu sechst lange über die Manöver von gestern. Wir sind wieder im Butterfly und fühlen uns nicht so wohl damit. Wir finden den Butterfly anstrengender zum Steuern und meinen immer noch, dass es schneller ist, vor dem Wind abzukreuzen. Aber Planado würde lieber im Butterfly bleiben und versteht unsere Argumente nicht wirklich. Wir diskutieren lange über das Technische, aber ich glaube, hinter diesen ersten zwischenbootlichen Unstimmigkeiten liegen andere Themen, die vielleicht auch schon länger unter der Haut kratzen. Geht es vielleicht nicht um den schnellsten Weg, sondern eher darum, gehört und verstanden zu werden? Sich fähig zu fühlen und zu sehen, dass seine Segelinputs wertgeschätzt werden? Wir probieren uns mit Planado über diese Unstimmigkeiten auszutauschen, aber über Funk ist das gar nicht so einfach.
Die angeregten Gespräche setzen sich bis am Abend fort. Wir reden über Verschwörungstheorien und andere grosse Themen. Am Ende des Tages witzeln Theo und ich mit Noah am Funk, die Stimmung fühlt sich ein bisschen gelöst an.
Tag 7 - 28. Januar 2026
Planado
Heute ist es schwül und bewölkt. Kurz nach dem Aufstehen erreichen wir 1000 Seemeilen. Das bedeutet ein Schluck Rum zum Frühstück, bahh. Einen Schluck für Neptun vergessen wir natürlich nicht und wir kippen den Rest Rum ins Meer. Zum Glück. So nah wie heute waren wir Solea, seit wir los sind, noch nicht. Wir erkennen sogar ihre Gesichter. Es löst leider gerade nicht nur Gutes aus. Gestern hatten wir einige Spannungen. Wir hatten nicht dieselben Ideen und die Soleaner:innen waren enttäuscht von uns, dass wir keine Rücksicht auf sie nehmen. Und wir sind nun etwas enttäuscht von ihnen, weil wir gar nicht mitbekommen haben, dass sich etwas angestaut hat und wir uns eine andere Kommunikation gewünscht hätten.
Solea
Heute ist ein lustiger Tag, wir feiern die geschaffte Hälfte und schreien uns die Seele aus dem Leib. Wo kann man das schon so ungestört machen wie hier? Theo geht spazieren und findet bei seinen Runden über Deck einen Baum, unseren Baum der das Grosssegel hält. Er klettert ihn hoch und lässt sich baumeln. Am Nachmittag musizieren wir alle mit Ukulele, Mundharmonika und armenischer Flöte. Es klingt noch ein wenig schief. Wir segeln heute ganz nah bei Planado, was sie wohl gerade so machen?
Planado
Nachtschicht, du wunderschöne Nachtschicht. Es wird langsam wirklich warm. Nur im Pulli und Barfuss in Crocs hängen wir jeweils unsere vier Stunden am Steuer. Wir Plaudern, hören die schönsten Lieder, lernen Songtexte auswendig und rauchen manchmal auch ein paar Zigis. Wir geniessen die Zeit zu haben, um einfach beisammen zu sein. Wir müssen uns nicht updaten, haben sowieso dasselbe erlebt, sondern können uns Nacht für Nacht einfach über Gedanken austauschen, die gerade so aufploppen. Und die Nächte sind so mild und der Horizont in alle Himmelsrichtungen so weit. Wir sehen kein einziges Schiff soweit das Auge reicht. Es ist so friedlich hier draussen. Ich habe noch lange nicht genug von diesem einfachen Tagesrhythmus, vom Zusammensein, vom Unerreichbarsein.
Tag 8 - 29. Januar 2026
Solea
Zuerst freuen wir uns sehr, dass wir schon die erste Hälfte geschafft haben und dann kehrt doch eine andere Stimmung ein. Ich ziehe mich in den Salon zurück und lese den ganzen Tag. Das Buch, oder vielleicht auch nichts Definierbares, schlägt mir heute auf die Stimmung. Ich fühle mich ein bisschen einsam, traurig und melancholisch. Am Abend bewege ich mich noch etwas, um meine Stimmung zu heben. Ich gehe spazieren. Im Cockpit laufe ich mehrere Runden um den Tisch. Werden wir langsam ein bisschen verrückt? Theo geht es heute auch nicht so gut. Er will alles mögliche über Bord schmeissen, um leichter und dadurch schneller zu werden, natürlich nur Spass, oder?
Planado
Ich bin nun endlich in der Crew angekommen. Ich gehöre zu den wenigen, die kurz vor der Überfahrt nochmals das Schiff gewechselt haben. Zum Glück sind wir noch ein paar Tage unterwegs. Zum Zvieri zaubert Léonie Hummusbrötli und Lava-Cake. Wir hören zusammen den, zur Tradition gewordenen täglichen, Transatlantik-Blues von Peter Reber. Kurze Mundharmonika-Session, ich muss in Übung bleiben. Und jetzt liege ich hier in meiner Koje und lausche dem Rauschen vom Wasser, durch welches Planado unermüdlich gleitet. Es war ein schöner Tag.
Tag 9 - 30. Januar 2026
Planado
Heute Morgen haben wir Beigedreht und sind mitten in den Atlantik gehüpft. Wir haben eine Leine vom Backbordheck zum Steuerbordheck gespannt und in diesem kleinen Bereich sollten wir drin bleiben, damit es sicher Niemanden vom Schiff wegtreibt. Das war etwas unheimlich! Wir begreifen nun wie froh wir sind normalerweise sicher im Cockpit zu sitzen. Und dann funkt Solea, ein Wal soll direkt auf uns zuschwimmen! Er kommt uns tatsächlich sehr nah und atmet zwei mal mit einer grossen Fontäne Wasser aus. Magisch.
In der Nachtschicht bekommen wir unsere Genua nicht eingerollt. Die Stimmung ist angespannt, Léonie und ich kriegen uns etwas in die Haare. Die Bedingungen können sich schnell verändern und schon ein bis zwei Knoten mehr Wind und zu viel Segelfläche, fühlen sich plötzlich sehr anders an. Der Wind nimmt dann zum Glück schnell wieder ab.
Tag 10 - 31. Januar 2026
Solea
Die Schichten sind immer noch gleich. Theo und Jakob beginnen die Nacht, auf Planado sind es Nici und Flo. Dann übernehmen Carmen und Dshame zusammen mit Léonie und Iuna auf Planado. Kurz vor Sonnenaufgang stehen Aurel und ich auf und am Funk begrüssen uns Noah und Annso. Während ich also heute den ganzen Morgen steuere, tobt sich Aurel kreativ mit der Kamera aus. Danach backt Aurel eine Focaccia. Und während sie im Ofen bäckt, entdecke ich plötzlich Delfine. Und dann sehe ich immer mehr und mehr und am Ende sind es wohl über 150 Delfine, die uns zwei Stunden lang begleiten und vor unserem Bug die Wellen reiten und Saltos machen.
Beim Znacht funken wir locker mit Planado und tauschen uns über den Tag aus. Die Crew erzählt von der Hitze, die immer schwerer zum Aushalten wird. Auch wir können die Hitze nicht länger ignorieren. Der Salon wird zu unserem besten Freund. Dort sind wir von der Sonne geschützt und der Wind zieht durch die Luken. Der Austausch mit diesen plötzlich ungewohnt fernen Personen tut gut. Wir vermissen einander schon ein bisschen.
Tag 11 - 1. Februar 2026
Solea
Während unseren Morgenschichten ist unsere Hauptbeschäftigung Podcasts hören. Heute entscheiden wir uns für eine Folge Hotel Matze mit Richard David Precht. Ein bekannter Philosoph, der spannende Themen anschneidet und unser Gehirn nach so viel Ruhe wieder in Fahrt bringt. Auch auf Planado werden spannende Podcasts gehört. Beziehungskosmos ist hoch im Kurs und regt zu persönlicher Reflexion an. Später am Morgen habe ich ein schönes Gespräch mit Carmen. Man könnte ja meinen wir hätten soviel Zeit zum Reden, aber tiefe Gespräche entstehen gar nicht so oft. Obwohl wir zusammen leben und alles zusammen erleben, täuscht teilweise diese Innigkeit. Mir fehlt manchmal der Austausch.
Heute sehen wir einen Wasserfall, mitten im Atlantik. Mit einem riesigen Schwall, flutet eine Welle durch die Deckenluke unsere Küche mit Wasser. Es ist ein sehr lustiger Anblick. Nachdem wir die Bilge tapfer ausgeschöpft haben, essen wir zum Znacht leckeren Kartoffelsalat. Der Vollmond scheint mir beim Einschlafen ins Gesicht, es ist fast ein bisschen zu hell, aber draussen bei der mitternächtlichen Schicht geniessen Carmen und Dshame die helle Nacht.
Tag 12 - 2. Februar 2026
Planado
Wow, wir sind schon lange unterwegs, das spüren wir langsam. Aber ich bin noch froh drum. Ich habe immer soviele Sachen, die ich gerne machen will und komme erst nach einer längeren Zeit zur Ruhe. Nach zwölf Tagen habe ich nun vieles schon gemacht. Jetzt kann ich langsam entspannter in den Tag hineinleben, mich treiben lassen, Stunden nichts machen und meinen Gedanken nach denken.
Die Sonne brennt immer noch vom Himmel, wir warten Tag für Tag nur darauf bis sie endlich wieder verschwindet. Die letzten Stunden der Hitze verschlafen Nici, Annso und ich im Salon. Die Sonne und das ewige Schaukeln machen müde. Und dann, verschwindet die Sonne irgendwann. Kaum kühlt es ab, spielen wir Stadt Land Fluss. Zum Znacht gibt es Pasta Pesto und Kräutertee. Zum ersten mal Pasta Pesto auf dieser Überfahrt! Auf Solea wird die Crew langsam ungeduldig. Oder zumindest Theo kann ein paar aufmunternde Worte gut gebrauchen und die Funken wir gerne. “Aufstehen, Krone richten, weitersegeln” und sonstiger Blödsinn. Ich bin froh, ist die Stimmung immer noch sehr entspannt. Es sind definitiv die Menschen, die mich glücklich machen. Ganz subtil, indem sie einfach da sind. Wie schön auch die Dynamik ist, zeigt sich gerade jetzt, wo sich die Überfahrt langsam lang anfühlt und sich die Tage inhaltlich wiederholen.
Auch diese Nacht ist unsere Schicht sehr schön. Die Bedingungen sind wunderbar. Es ist warm, Wellen von hinten, Wind zwischen zwölf und 16 Knoten. Solea kommt so nahe, dass wir ohne Funk „Hallo“ schreien können. Das ist ein schöner Moment. Auf Solea sind Dshame und Carmen an Deck. Synchron reffen wir aus. Rauchen gemeinsam eine Zigi. Und dann sehen wir sie davonziehen, nur noch zwei Gluetpünktli in der Nacht.
Tag 13 - 3. Februar 2026
Solea
Noch drei Tage. Langsam wiederholt sich alles, Tag für Tag. Wirklich alles. Und es ist fast ein bisschen schwer nicht anzufangen, die Tage herunter zu zählen. Ein Vogel kreist am Morgen sehr lange um unser Schiff. Wir fahren durch riesige Algenfelder, die uns schon seit ein paar Tagen entgegenkommen. Wenn wir in sie hineinfahren, bleiben wir stecken und unser Schiff dreht sich in den Wind. “Heute ist ein guter Tag” ist das heutige Motto, oder eher Mantra. Am Abend gibt es wieder das tägliche Funk-Update mit Planado. Sie erzählen, dass bei ihnen heute der Gennaker zum Einsatz kam. Das bringt noch mal ein anderes Segelfeeling mit sich und das Riesen Segel bietet viel mehr Schatten. Nici und Iuna werden langsam gut im Ourill, ein kap verdisches Spiel aus Holz.
Wir fahren auf dieser Etappe durch vier Zeitzonen. Wenn wir ankommen, müssen wir unsere Uhren um vier Stunden zurückstellen. Auf den Schiffen leben wir aber nach UTC. Dadurch verschiebt sich der Sonnenaufgang jeden Tag um ca. 11 Minuten. Am Anfang ging die Sonne noch um 8:14 auf und um 19:35 unter und mittlerweile kommt sie um 10:27 hinter dem Horizont hervor und verschwindet erst viel später um 22:10. Wir passen unsere Schichten deshalb immer wieder der Sonne an.
Tag 14 - 4. Februar 2026
Planado
Das Schiff fährt und fährt und fährt. Ich schaue vom Netz zu den beiden Rümpfen und kann nicht fassen, dass sie seit 14 Tagen in Bewegung sind. Und es ist immer noch heiss. Fudiblutt ummehösele und sich zwischendurch vorne auf dem Netz mit kühlem Atlantikwasser abspritzen ist Pflicht. Gekocht ist immer schneller, frisches Gemüse zum schnibbeln gibt es kaum mehr. Aber es fehlt uns echt an nichts.
Heute ist der Tag, an dem auf Solea das WC-Papier ausgeht. Sie segeln nicht weit vor uns, die Fock eingerollt, damit wir aufholen können. Wir segeln vorsichtig von hinten an ihre Backbordseite und schmeissen ihnen eine Packung WC-Papier ins Cockpit. Wir sind alle an Deck, um „Hallo“ zu sagen. Für einen kurzen Augenblick sind wir so nah, wir können uns fast umarmen, und dann, wenige Minuten später, verschwinden sie hinter den Wellen. Die beiden Welten trennen sich wieder. Wir spielen Wer Bin ich? und erleben einen wunderbaren Sonnenuntergang. Ich sauge ihn nochmal richtig ein. Goldene, goldene Sonnenstrahlen und der weite Horizont. Nach 14 Tagen sehen wir den ersten Tanker.
Tag 15 - 5. Februar 2026
Solea
Die Morgenschicht habe ich im kleinen Schatten vom Mast, sitzend und Barbados am Horizont suchend, beendet. Heute backe ich wieder einmal einen Kuchen. Nach den Rezensionen der anderen, den besten Zitronenkuchen den sie jemals hatten. Nach vielem herumsitzen irgendwann, “LAND AHOOOOOIII!” und wir sehen wirklich die Umrisse von Barbados. Weil heute schon unser letzter Abend ist, muss das gefeiert werden. Wir musizieren alle zusammen. Es ist ungewohnt, wieder Flugzeuge zu sehen und am Funk andere Schiffe zu hören. Wir kommen der Zivilisation näher.
Nach Sonnenuntergang gibt es eine tolle Lichtshow. Aurel scheint mit einem Laser, abgestimmt zur Musik, ans Grosssegel und beeindruckt uns mit diesem Spektakel sehr. Ein bisschen nervös gehen wir danach, zum letzten Mal auf dieser Überfahrt, ins Bett.
Planado
Morgen erwarten wir unsere Ankunft. Das bedeutet heute ist bunter Abend! Wir nehmen das sehr ernst und sitzen zum Znacht plötzlich alle im Kostüm im Cockpit. Annso und Flo verkleidet mit allen bunten Tüchern, die sie finden konnten. Noah mit einem grossen Bademantel. Léonie verkleidet als Nici, Nici als Léonie. Ich als Wal. Léonie erheitert uns mit Züridütsch, parodiert Nicis täglichen Blödsinn und Nici kontert mit einem breiten Baseldütsch. Viel schöner hätte unser letzter Abend nicht sein können. Mein Herz ist voll. 128 Seemeilen liegen noch vor uns. Wir freuen uns sehr auf Grenada, könnten alle aber auch noch ein paar Tage weitersegeln. Am Horizont die Lichtverschmutzung von Barbados.
Tag 16 - 6. Februar 2026
Solea
Ui, heute ist sehr anstrengend. Bei wenig Wind spürt man die Hitze nochmals fest. Es ist sooo heiss, ich halte es kaum aus. Morgenschicht, Gennaker auspacken, im Salon lesen, Film anfangen, Sauna machen, raus aufs Netz flüchten, Leintuch aufspannen für ein bisschen Schatten, mit Meerwasser abkühlen. Nachdem wir das Sonnensegel gespannt haben, wird es erträglicher und plötzlich ist Platz da für die Realisation: Heute ist der letzte Tag. Wir machen noch eine Abschlussrunde und tauschen uns über die letzten zwei Wochen aus. Wir machen uns schick fürs Ankommen, ziehen Hemden und weisse Hosen an. Dann fahren wir in den Hafen ein, ich sitze am Steuer.
Planado
Grenada in Sicht. Was für ein wundervoller Moment. Wir sind bis in die Karibik gereist, ohne Flugzeug. Auf drei Kontinente haben wir Fuss gesetzt. Das fühlt sich so verrückt an! Und vor allem mega gut. Ich verstehe jetzt wie weit, oder auch nicht, gewisse Orte auseinanderliegen. Wieviel grösser der Atlantik ist, wie alles, was die Menschen je erschaffen haben. 16 Tage und die einzigen Anzeichen von Menschheit waren ein Tanker und zwei Flugzeuge. Wie wenig man braucht um zufrieden zu sein. Wie viel Freude kleine Momente machen. Noch einmal in der Küche mit unseren liebsten Liedern. Es gibt Tomatensuppe aus dem Päckli. Frisches haben wir wirklich nichts mehr. Die letzten Kartoffeln haben wir gestern gegessen. Mit Gennaker legen wir die letzten Meilen zurück. Grenada ist so grün!
Solea
Und dann setzen wir Fuss an Land. Und wir hüpfen und jauchzen und rennen den Steg hoch und wieder runter, machen sogar ein Wettrennen. Nach einer halben Stunde kommt Planado an. Wir nehmen uns alle ganz fest in die Arme und setzen uns auf dem Steg vor den Schiffen in einen Kreis und tauschen uns gleich einmal aus. Das Ankommen war für mich bisher immer ein bisschen schwierig, aber dieses Mal ist es besser, als ich es mir hätte vorstellen können. Uns allen machen die Wangen weh, vom vielen Lachen und von all der Freude. Wir haben es geschafft. Wir sind in der Karibik. Wir haben den Atlantik überquert!
Planado
Angekommen. Im Dunkeln. Kurz vor der Hafeneinfahrt geht die Sonne unter. Die Soleaner:innen erwarten uns bereits am Steg mit offenen Armen, helfen uns vom Schiff. Die Freude ist riesig. Die Umarmungen lang und fest. Beine bewegen, das Gefühl ist unglaublich! Ein Handstand. Ein Prosecco der knallt. Warm, wie der noch von der Sonne aufgeheizte Steg unter uns. Wir trinken direkt aus der Flasche, reichen ihn von Mund zu Mund. Wir sind so stolz und so fremd an einem Ort. Wo sind wir gelandet?! Es zwitschern Vögel die uns unbekannt sind. Palmen! Das muss der schönste Hafen sein, in dem wir je waren. Wir setzen uns in einen Kreis und versuchen kurz setzen zu lassen, was wir gerade gemacht haben. Was wir geschafft haben! Wir sind 2300 Seemeilen gesegelt ohne Stop. Das ist dieselbe Distanz wie von Zürich an den Nordpol. Wir sind zusammen um die halbe Welt.