Atlantiküberquerung Antigua - Azoren

Rückblickend fühlte sich unsere Reise seit Beginn so an, als umfasse sie verschiedene Teile, wobei diese Teile seit Anfang an mit unterschiedlichen Gefühlen verbunden waren.

Der erste Teil der Reise, vom Mittelmeer bis zu Kap Verde, wirkte zunächst kleiner, als er sich im Nachhinein anfühlt. Die erste Atlantiküberquerung hat sich schon im Vorhinein unglaublich aufregend angefühlt und auf die Zeit in der Karibik haben wir uns einfach nur gefreut. Vor der zweiten Atlantiküberquerung, der West-Ost Passage, verspürten wir dagegen vor allem grossen Respekt. Die schöne Zeit in der Karibik war immer wieder von Momenten begleitet, in denen uns schwer ums Herz wurde. Wir fragten uns, wie aushaltbar drei Wochen wildes Wetter sein würden. Oder mehrere Tage am Stück Flaute? Fühlt sich das Schiff noch kleiner an, wenn wir nicht vorwärts kommen und auch nicht weg vom Schiff? Ob wir in den Bugkojen überhaupt schlafen können und wie gut kommen wir klar, wenn wir alle wenig geschlafen haben? Oder ob uns auf den Schiffen zum ersten Mal wirklich unwohl werden könnte, wenn die Wellen zu hoch würden…

Der Nordatlantik ist unberechenbar und die Distanz zu gross, um das Wetter für die gesamte Überfahrt verlässlich einschätzen zu können. Es gibt unzählige Szenarien, die möglich wären. Wir haben Geschichten gehört, verrückte und dramatische, aber auch einige gute und sogar unspektakuläre. Wir haben gemerkt, dass wir einfach selber herausfinden müssen was uns erwartet. Ob es die Hitze in Antigua war oder die Lust wieder unterwegs zu sein und herausgefordert zu werden, am Schluss siegte die Neugier über die Angst. Es blieb die Vorfreude und der Respekt. 

Einige von uns haben fleissig Tagebuch geschrieben, je nach Bedingungen mal weniger, mal mehr. Gerne geben wir euch einen Einblick.

Léonie - 15.04.2026

And off we go…

In der Mittagshitze segeln wir aus Jolly Harbour, Antigua. Die Schiffe dick beladen, die Wasserlinie gefühlt fast unter den Fenstern, jedes Loch vollgestopft mit Wasser und Lebensmitteln. Freude. Endlich gehts los. Wir hatten genügend Zeit, um uns vorzubereiten. Das erste Abfahrtsdatum am 10. April haben wir noch einmal verschoben. Zum Glück. Auch das hätten wir geschafft, aber die kleinen, wichtigen, unnötigen, persönlichen Dinge hätten keinen Platz mehr gefunden. Die letzten Tage waren ruhig und geladen. Die Stimmung war gut, doch auch angespannt. Ich war gestresst, weil es immer noch irgendwas zu tun gab, noch ein Telefon hier, eine Nachricht da, ist die Koje auch wirklich Amwindsicher so? Habe ich genug Podcasts und Musik? 

Mit der Ausfahrt aus dem Hafen habe ich auch diese Gedanken hinter mir gelassen. Wir haben was wir haben und das wird reichen. Jetzt bin ich offline für die nächsten drei Wochen. Schon nach kurzer Zeit wird es ganz ruhig auf dem Schiff. Ich glaube alle hängen ihren Gedanken nach, sind am loslassen und sich auf das was uns bevorsteht am vorbereiten. Bei mir jedenfalls ist das so, mit jeder Seemeile, die wir mehr zurücklegen, wandern mein Blick und meine Gedanken ins Hier und Jetzt. 

Schon bald duscht mich die erste Welle. Die Karibiksonne knallt und noch sitzen wir alle ohne Segelkleider im Cockpit. Ein bisschen ein mulmiges Gefühl im Bauch habe ich schon. Nicht wegen dem Schaukeln, nein, da habe ich vorgesorgt mit Itinerol, mehr wegen dem was uns bevorsteht. Der Rückweg über den Atlantik ist nicht so berechenbar wie der Hinweg mit dem konstanten Passatwind. Hoch- und Tiefdruckgebiete bestimmen unseren Weg und unser Wohlbefinden, vor allem wenn wir in eine Front reingeraten. Wir laden jeden Tag das Wetter runter, um genau das zu vermeiden, aber man weiss nie genau. Erstens verändert sich das ständig und zweitens sind die Tiefdruckgebiete schneller unterwegs als wir. Wir können nur in einem bestimmten Tempo ausweichen. Es wird gut, sage ich mir, doch ich habe grossen Respekt.

Die erste Nacht ist okay, Iuna und ich machen Mittelschicht. In der Bugkoje schläft es sich nicht so gut bei einem Amwindkurs. Es ruckelt und schüttelt die Wellen hinauf, und hinunter befindet man sich im freien Fall. Zudem müssen wir alle Türen und Fenster zu lassen, weil es so spritzt. Nach nur fünf Minuten im Bett bin ich nass geschwitzt, an den Wänden läuft das Kondenswasser runter und von der Decke tropft es eine Mischung aus Salz- und Kondenswasser, weil unser Kojenfenster nicht ganz dicht ist. Theo und ich wollen uns am liebsten nicht berühren, was jedoch platzbedingt und durch die Schlafstellung, die wir einnehmen müssen, um uns zu stabilisieren, nicht möglich ist. Also kommt zu der ganzen Feuchtigkeit von mir und Koje, noch Theos Schweiss dazu. So habe ich vier Stunden verbracht und dann werde ich von Aurel geweckt. Habe ich überhaupt geschlafen, frage ich mich, während ich mich mühsam in dem stickigen Rumpf in meine Kleiderschichten quäle. Draussen ist es kühl und sobald die Segelkleider nass sind, wird es noch kälter. Iuna und ich halten uns wach, steuern abwechselnd, reden und hören Musik, um unsere vier Stunden schneller durchzubringen. Wir beide lieben die Nacht und auch die Mittelschicht, aber am Anfang, wenn ich noch nicht im Rhythmus bin, ist es hart plötzlich mitten in der Nacht so lange wach sein zu müssen. Aber natürlich schaffen wir auch das und wecken dann Celina und Theo, die das Schiff in den Sonnenaufgang steuern werden.

Nicolas - 18.04.2026

Es ist normal, dass beim Amwindsegeln manchmal Wasser durch die Türen spritzt und sich in der Bilge sammelt. Doch an diesem Tag war in der Küche von Solea  ungewöhnlich viel Wasser. Und als die Bilge 20 Minuten nach dem Ausschöpfen wieder voll war, wussten wir, etwas konnte nicht stimmen, das war zu viel Wasser. Die Überraschung fanden wir sofort im hinteren Bereich des Salons. Die beiden Lagerräume im Heck waren vollständig geflutet und das Wasser schwappte in die Küche über. Doch woher stammte das Wasser? Der Süsswassertank liegt unter diesen Räumen, also muss es Salzwasser sein, was ein kurzer Geschmackstest bestätigte. Langsam dämmerte uns, die Notausstiegsluke am Heck war nicht dicht! Doch wir blieben ruhig, denn viel Wasser kam da nicht durch. Zum Glück hatten wir noch in der Karibik eine kleine manuelle Bilgenpumpe gekauft! Diese kam uns jetzt genau richtig. Geschätzte 200 Liter Wasser haben wir aus den Kammern herausgepumpt. Allerdings hat die Elektronik des Motors unter dem Wasserkontakt gelitten und der Backbordmotor stieg von da an sporadisch aus. Ansonsten gab es keine Schäden durch diesen Wassereinbruch. Die Luke hat Carmen mit Mariner Dichtungspaste zugeschmiert, fertig war das heutige Abenteuer, der Salon wieder eingerichtet und Solea 200kg leichter.

Celina - 19.04.2026

Die Wolken hängen wie an einem Fädeli aufgehangen am Himmel. Der Horizont ist viel weiter hier, als zwischen den karibischen Inseln. Unendlich halt. Ich fühle mich beim Steuern fast wie in den Skiferien. Eingepackt wie auf dem Skilift, mit kaltem Wind im Gesicht, aber umgeben von wunderschöner Natur. So wie hier.

Wieder diese Zufriedenheit und den Platz im Kopf, um einfach so in Gedanken zu stöbern. Sich einen aussuchen und die Ideen weiterspinnen. Dieses Gefühl will ich für immer behalten. Diese Freiheit und Klarheit im Kopf.

Und dann Gemüse anschauen, Schimmel identifizieren (alles schimmelt), kochen, Küche machen, steuern, lüften, steuern, lüften.

Die Bedingungen sind ruhig, wir Reffen aus und hängen die Wäsche zum Trocknen. Wow, dass das bei Amwind möglich ist.

Carmen - 20.04.2026 02:15 UTC

Kurzer Zwischenfall: Ein grosser fliegender Fisch ist mir vollgas direkt ins Gesicht geflogen. Blutige Lippen und Schuppen auf der Wange. Weiter gehts…

Ann-Sophie - 20.04.2026

Jäggi Chulos Geburtstag. Was für ein spezieller Geburtstag mitten auf dem Ozean. Es passt irgendwie so zu ihm. Die ersten Geburtstagsgrüsse von Planado erklingen schon bald nach Beginn unserer morgendlichen Schicht aus dem Funkgerät. Ich kann kaum glauben, dass er erst 21 Jahre alt wird. Er, mit dieser alten Seele. Die Frühschichten mit Jakob genieße ich momentan sehr. Mit ihm ist das Nebeneinander-Sitzen und Schweigen genauso angenehm, wie das Miteinander-Plaudern. 

An diesem Morgen aber, haben wir direkt viel zu tun. Das Wetter ist super launisch und wechselt quasi im Minutentakt von kleinen Flauten in plötzliche starke Regenschauer mit mehr Wind. Wir reffen, reffen aus, nehmen die Fock rein und Motoren, um sie 5 Minuten später wieder zu setzen und den Motor auszuschalten. Im Vergleich zu den anderen Morgen, sind wir fast schon super busy.

Irgendwann stabilisiert sich der Wind. Die anderen werden langsam wach und es gibt Zmorge. Später am Tag können wir bei angenehmstem Sonnenschein ein paar kleine Geschenke überreichen und neben Kaffee und Kuchen auch die Geburtstagstanzperformance von Planado geniessen. Wir sitzen alle wieder an Deck, quasseln, lachen und lösen die letzten Rätsel des legendären Küng. Ich fühle mich sehr wohl in dieser Crew, ganz unbeschwert und glücklich.

Trotz des schönen Tages holen mich ein paar Gedanken und Bedenken über Zuhause ein. Geht es allen gut? Hoffentlich passiert nichts während ich nicht da bin. Aber… sonst bin ich ja auch nicht da, meine Familie wohnt weit weg von mir. Trotzdem, ich wäre erreichbarer. Wie finden sie das überhaupt, dass ich so viel weg, nicht so viel da bin? Ich wünschte sie wüssten, wie oft ich an sie denke! Und wie lieb ich sie habe. Mir wird bewusst, dass ein „Ich bin ja nicht aus der Welt“ hier nicht so zu gelten scheint wie wenn ich in Basel bin. Ich fühle mich weit weg von allem. Das ist ein sehr außergewöhnliches, einzigartiges und in den meisten Momenten tolles Gefühl! Aber gerade heute würde ich einiges dafür geben, um mich mal kurz melden und einfach hören zu können, dass alles gut ist. 

Ein paar Tränen kullern mir genauso plötzlich über die Wangen wie heute Morgen die Regentropfen vom Himmel auf uns prasselten. Der Schnodder sammelt sich nur so in meiner Nase. Die Emotionen sind hier scheinbar genauso wechselhaft wie das Wetter es sein kann. Es tut aber gut sie zuzulassen. Sich auf sie einzulassen, so wie wir uns auf das Wetter einlassen müssen. Und ganz bald zieht auch dieser kleine Tränenschauer vorüber.

Aurel - 21.04.2026

Meine Nachtwache mit Flo vom 21.04. auf den 22.04.2026 endet nach vier Stunden um 03:38 UTC. Während wir hier so unterwegs sind, hat Léonie jetzt noch im Schlaf ganz nebenbei zum 24. Mal die Sonne umrundet, kurz bevor ich sie und Iuna für unsere Ablösung wecke. Die genaue Uhrzeit verriet sie mir noch vor dem Schlafengehen auf Nachfrage. Happy Birthday, Léonie.

Kurz darauf schreibe ich noch diese Zeilen nieder: Die letzten Tage waren wir relativ stetig Richtung Nordosten unterwegs. Auf einem 50° Magnetkompasskurs, bei einem Winkel von etwa 50° zum scheinbaren Wind von Steuerbord. Bei 20 Knoten Wind und rund 8 Knoten Fahrt waren wir schnell unterwegs. Heute sind wir abgebogen. Der Wind hat etwas gedreht, und wir wollen dem herannahenden Tief aus Norden nicht näher kommen als nötig. Neuer Kurs: 075° Magnetkompasskurs, etwa 110° Winkel zum Wind. Bei einer Windgeschwindigkeit von 16 Knoten laufen wir mit der Genua immer noch ungefähr 8 Knoten Fahrt durchs Wasser das sind etwa 15Km/h.

Hat eigentlich schon jemand über dieses Gefühl berichtet, so ohne grosse Anstrengung unterwegs zu sein? Wie im ICE-Bordrestaurant, nur roher, unmittelbarer. Die Sterne scheinen nur für uns hier zu sein, und doch verbinden sie uns mit dem Rest der Welt. Wer sie wohl gerade auch noch sieht? Sie ziehen über den Himmel und Leuchtplankton über die Dachluke meiner Koje Es ist gerade erstaunlich gemütlich, sich unter Deck einzukuscheln, noch zu bemerken, wie die nächste Wache nach der Übergabe mit der Taschenlampe die Segelstellung kontrolliert, um dann ganz abzugeben und für einen Moment zu vergessen, wo wir uns hier eigentlich gerade befinden...

Irgendwo zwischen Sonnenaufgang (30°48.98“ N / 052°53.96“ W, 08:55 UTC) und Sonnenuntergang (31°25.62“ N / 051°20.60“ W, 21:59 UTC) am 22.04.2026, umgeben von 360° Wasser um und unter uns und 180° Himmel, über uns, sind wir. Am achten Tag der Überfahrt. Und auch diesen können wir hier kurz astronomisch einordnen:

Erster Tag: 15.04.2026, Sonnenaufgang 09:51 UTC, Sonnenuntergang 22:22 UTC (17°03.92“ N / 061°53.07“ W) – 12 h 31 min Tageslicht.
Letzter Tag: 30.04.2026, Sonnenaufgang 07:04 UTC, Sonnenuntergang 20:45 UTC (38°31.72“ N / 028°37.49“ W) – 13 h 41 min Tageslicht.

Innerhalb von 15 Tagen beziehungsweise nach 2321 sm oder 4298 km am Ende der Überfahrt, gewann der Tag damit 1 h 10 min an Länge. Dadurch, dass wir nach Norden fahren, steht die Sonne flacher über dem Horizont und geht nicht mehr direkt im Osten auf und im Westen unter, sondern, jahreszeitbedingt, weiter nördlich. Gleichzeitig werden die Tage länger. Und je weiter wir Richtung Osten fahren, desto früher geht die Sonne auf und unter. Jeden Tag dokumentieren wir diese Beobachtungen in unserem Logbuch. So lassen sich diese Veränderungen einfach nachvollziehen, und die Erde kann als Kugel aus verschiedenen Standpunkten verstanden werden.

Wir wecken Léonie mit Geburtstagskuchen am Bett. Eine Wunderkerze brennt und die üblichen Geburstagslieder erklingen in möglichst vielen unterschiedlichen Sprachen; zu dieser frühen Stunde etwas ungeölt aus unseren Kehlen. Danach brunchen wir gemeinsam, bevor die Wettervorhersage, die wir die vergangenen Tage respektvoll im Auge behalten haben, eintrifft.

Das Wetter zu beobachten habe ich mir insbesondere für diese Etappe vorgenommen. Ich hatte gehofft, es wirklich zu erleben. Das angekündigte Tiefdruckgebiet macht sich bemerkbar. Auf der Nordhalbkugel organisieren sich diese im Gegenuhrzeigersinn, das heisst, der Wind bläst im Gegenuhrzeigersinn in das Zentrum hinein. Von Hinten ziehen erst hohe Cirren auf, dann Altostratus, Stratus und Nimbostratus Wolken. Das immer tiefer werdende Wolkenbild kündigt die Warmfront an: warme Luft, die sich über die kalte schiebt. Eine regelrechte Wolkenwand. Sie holt uns zügig ein. Leichter Regen. Danach stärker werdender Regen und Starkwind aus Südwest. Wir reffen Grosssegel und Vorsegel maximal. Dann schliesslich, nach dem Durchzug der Front, der Knick in der Windrichtung im Uhrzeigersinn, Westwind, Warmsektor, grau und regnerisch. Wir reffen Stück für Stück wieder aus.

Während des ganzen Tages können wir wunderbar das Wettergeschehen beobachten. Obwohl ich nur oberflächliches Verständnis davon habe, fühlt es sich manchmal so an, als würde ich langsam begreifen, was da draussen passiert, und doch ist es in Wirklichkeit selten ganz nach Schema. In dieser Hinsicht hält diese Passage, was sie verspricht: dynamisches Wettergeschehen. Typisch für diese von Tiefdrucksystemen beeinflussten mittleren Breiten. Innerhalb weniger Sekunden kann sich alles ändern; Windrichtung, Stärke, Sonne, Regen.

Wir aperölen ein wenig und feiern feuchtfröhlich Léonies Geburtstag. Auch Solea kommt für einen Besuch in unsere Nähe und wirft eine Geschenktüte zu uns herüber.

Später gegen Abend trifft die Kaltfront ein, dazu ein erneuter Winddreher im Uhrzeigersinn mit Wind aus Norden, erst noch zögerlich, dann aber nach dem Abendessen und einer kurzen Flaute mit voller Wucht. Die Einträge im Logbuch sind nur noch schwer zu entziffern: 35 kn Wind. Wasser, das zu fliegen scheint, im Gesicht landet und das Deck flutet. Teilweise schiesst es einfach nur über uns hinweg. Leuchtplankton bleibt an den Tauen im Cockpit hängen.

Wir sind nah am Wetter, nah am Wasser, im Cockpit halb über, halb unter Wasser, wie in einer Badewanne. Wenn wieder eine grosse Welle ins Cockpit fällt, fühlt es sich manchmal an, als würde man aus ein paar Metern Höhe ins Meer geworfen. Flo sitzt am Ruder. Wir besprechen nur das Nötigste. Auch über Funk wird nur noch geschrien, sonst versteht man nichts, und die Verbindung ist auch nicht besonders gut. Die Stirnlampe, die seit Tagen das defekte Kompasslicht notdürftig ersetzt, steigt aus. Es ist schon die zweite, die den Geist aufgibt. Salzwasser und Technik vertragen sich wirklich nicht gut, wie einige von uns inzwischen mit persönlichen Verlusten bezeugen können. Unter und über Deck ist nichts mehr trocken. Es ist kalt, arschkalt.

03:00 UTC, wieder einmal Schichtende. Ich schreibe auf, was mir in den letzten Stunden dieses Tages durch den Kopf gegangen ist: Wie sollen wir das schaffen, wenn es so weitergeht? Essen zuzubereiten, und sei es nur, einen Topf Wasser für Tee oder eine Wärmflasche zum Kochen zu bringen, ist zu einer langwierigen und schwierigen Herausforderung geworden. Alles ist nass und kalt. Schlafen scheint dagegen allerdings noch viel unwahrscheinlicher. Ich versuche es trotzdem, während draussen das Leuchtplankton in konstantem Fluss über meine Kojen-Dachluke rauscht. Es erinnert nun nicht mehr an Sterne. Auch der Pool im Cockpit lässt das Schiff eher wie ein U-Boot wirken. Diesmal fühlt es sich nicht mehr an wie im ICE, sondern eher wie auf einer Achterbahn, besonders in der Backbord-Bug-Koje, die aktuell auf der Luvseite liegt, da wir den Wind von Backbord und die Segel auf Steuerbord haben. Dadurch sind die Auf- und Abstampfbewegungen auf einem solchen Amwindkurs im Bug meist noch stärker. Immer wieder befindet man sich hier buchstäblich im freien Fall.

Theo - 24.04.2026

Heute ist es wunderschön. Die Sonne scheint und es ist nicht zu heiss. Wir haben den Wind von hinten mit 15-20kn und wir können die Rümpfe lüften. Das tut gut, denn gestern am Tag und die Nacht davor war es nicht so. Ganz im Gegenteil, wir waren Amwind mit über 35kn Wind und über 4m Wellen. Das war echt ein Kampf und richtig anstrengend. Draussen war es kalt und man wurde die ganze Zeit nass und in den Rümpfen war es feucht und unangenehm. Der Tag davor war auch ein wenig anstrengend, doch auf eine ganz andere Weise. Léonie hatte Geburtstag und wir haben fast den ganzen Tag alle zusammen draussen im Cockpit verbracht und gegessen und gepläuderlet. Das war schön, doch am Abend war ich ziemlich müde. Doch dann ging es los in der Nacht. Ich habe kaum geschlafen. Das Boot hat so krass gestampft und ich wurde in alle Richtungen geschleudert beim Schlafen. Die letzte Nacht war jedoch das Gegenteil. Wir hatten kaum Wind und es war so ruhig und angenehm trocken im Bett. Ich fühle mich heute so erholt wie noch nie seit wir los sind und nach dem wunderschönen Schlaf folgt ein wunderschöner Tag. Es könnte kaum besser sein und meine Moral ist super. Ich finde alles schön und toll. Krass, wie die Tage so unterschiedlich sein können. Gestern habe ich schon fast wieder Krise bekommen vom Spritzen und kalt und feucht. Heute ist jedoch alles anders. Die Batterien werden auf 200% geladen und das nächste Tief und die nächste Front kann kommen.

Jakob - 24.04. Tag 10

Als ich heute zur Frühschicht geweckt wurde, war es erstaunlich ruhig. Der Himmel war klar, und über uns stand das Sternbild des Skorpions. Es ist eisig kalt, doch die Luft ist trocken. In der Ferne erkennt man noch die mächtigen Wolkentürme, die wir in den vergangenen zwei Tagen passiert haben.

Nach Sonnenaufgang schiebe ich den vorbereiteten Brotteig in den Ofen. Danach spannen wir Leinen zwischen die Wanten und hängen so viele nasse Kleider und Bettsachen wie möglich zum Trocknen auf. Eingepackt in Mützen, Schals und Segelkleidung trinken wir heißen Kaffee, genießen die Sonnenstrahlen und fühlen uns dabei, als wären wir im Skiurlaub. Im Laufe des Tages sehen wir mehrere Objekte an uns vorbeitreiben, die zunächst wie Plastikverpackungen aussehen. Bei näherem Betrachten entpuppen sie sich jedoch als Portugiesische Galeeren, quallenähnliche Lebewesen, die an der Meeresoberfläche treiben und, genau wie wir, wenn auch etwas unkontrollierter, vom Wind und von den Strömungen getragen werden. Diese faszinierenden Tiere werden uns noch bis zu den Azoren begleiten. Besonders im Sonnenlicht schimmern sie eindrucksvoll und aus der Nähe erkennt man ihre zarte rosafarbene Färbung.

Florian - 26.04.2026

Es ist unglaublich was für unterschiedliche Seiten der Atlantik haben kann, sei es eine leichte Brise, mit kaum Wellen, oder unerbittlich stürmisch, Wind, Gischt und Regen der einem ins Gesicht peitscht. Kaum vorstellbar, wenn ich vom Land auf das weite Meer schaue in die Richtung, aus der wir gekommen sind.

Iuna - 27.04.2026

Heute hat sich in der Morgenschicht der Stahlring am Schothorn gelöst, welcher das Grosssegel durch den Unterliekstrecker mit dem Baum verbindet. Er ist unter der Last regelrecht auseinandergebrochen. Die Segel hatten wir schon länger in der Butterfly-Stellung, was bedeutet, dass wir den Kurs sauber fahren müssen, wenn wir vermeiden wollen, dass die Segel flattern. In unserem Fall haben in den letzten Stunden auch die Wellen zugenommen, was Fock und Gross zusätzlich ungesund schlagen liessen. Anscheinend hat unser Grosssegel mehr gelitten wie gedacht. Wir teilen Solea per Funk mit was passiert ist, luven zügig an und gehen mit dem Gross ins erste Reff, Solea tut es uns nach. Im ersten Reff ist das Gross nun mit der ersten Reffleine nach hinten unten gespannt und der unterste Teil vom Segel entspannt. So kann Flo in Ruhe einen neuen Ring mit Dyneema am Schothorn befestigen. Es ist alles nochmal gut gegangen und wir sind froh ist nichts verheerenderes passiert. Gleichzeitig sind wir mächtig beeindruckt und froh um die Erfahrung. Wir verstehen nun noch besser was für Kräfte auf unser Schiff und vor allem das stehende Gut wirken. Ich möchte gerne in Zukunft noch achtsamer sein. Obwohl heute sonnig ist und angenehm draussen zu sein, sind wir um den Mittag schon völlig fertig. Während Flo noch am Spleissen ist, übergeben wir das Steuer bereits Celina. Wir legen uns hin, bis es uns später wieder am Steuer braucht.

Dshamiljo - 28.04.2026

Noch zwei Tage bis Horta, unsere Morgenschicht ist mal wieder wild. Mit Böen bis 36 Knoten und Regen sitzen wir draussen in der Kälte. Danach erst mal einen Mittagsschlaf. Ich wache auf, draussen tobt es schon wieder, ich höre Jakob rufen: „Wir haben 44 Knoten Böen!“. Dann kommt Noah kurz runter und sagt: „Wir haben Wind bis 46 Knoten, wir nehmen jetzt das Grosssegel runter.“ „Eifach abe oder?! Bi däm Wind willsch nit aluve.“ Ich sage: “Ja.“ Ich höre wie sie draussen das Grosssegel herunter nehmen, dann beruhigt sich alles ein bisschen und der Wind lässt wieder nach.

Noah kommt ein weiteres Mal zu mir und sagt: „Beim Bergen ist das Grosssegel in der Saling hängen geblieben und es hat zwei Risse gegeben.“ Mein erster Gedanke ist: „Scheisse, so etwas hat uns jetzt noch gefehlt.“ Dann krieche ich aus dem warmen Bett, ziehe alle meine Schichten an und gehe nach draussen. Wir schauen uns den Schaden an und schnell ist klar, so können wir nicht weiter Segeln. Wenn wir das Grosssegel noch benutzen möchten, müssen wir es flicken.

Noah ist gerade eine grosse Stütze, er hat gute Ideen und zum Glück hat er erst vor kurzem ein Video geschaut, wie man ein Segel flickt.  Dann geht es an die Arbeit. Wir nehmen das Segel komplett runter und versuchen es in den Steuerbordrumpf zu stopfen. Es passt nicht ganz hinein, also stecken wir nur das halbe Segel runter in die Navigation, wo Noah, Carmen und Nicolas mit dem Öfeli die gerissenen Stellen trocknen. Im Anschluss reinigen sie es mit Methanol und kleben einen speziell dafür geeigneten Blätz drunter und drüber. Währenddessen sitze ich zusammen mit Jakob draussen, er am Steuer, ich am Wetterdaten herunterladen. Wir segeln noch immer mit einer guten Geschwindigkeit weiter, trotz dem stark gerefften Vorsegel. Die Prognosen sehen nicht schlecht aus, so viel Wind ist nicht nochmals gemeldet. Ich denke, diese Info ist jedoch mit Vorsicht zu geniessen, die starken Böen von heute Nachmittag waren schliesslich auch nicht gemeldet.

Sobald die Flächen geklebt sind, geht es ans Nähen. Noah, Nicolas und ich nähen die geklebten Stellen an, es geht einfacher als erwartet. Nach dem Nähen packen wir alle nochmals mit an, um das Grosssegel wieder zu montieren. Das ist fast der mühsamste Teil von diesem ganzen Unterfangen. Aber auch das meistern wir gut, während Jakob einen Surf von 16.3 Knoten fährt.

Es ist schnell Abend geworden und ich denke mir, zum Glück ist das alles am Tag passiert, sonst wäre es noch unangenehmer gewesen. Annso hat uns während dem ganzen Unterfangen ein leckeres Znacht gekocht. Etwas Warmes im Bauch ist jetzt das Beste für uns alle, bevor wir wieder in die nächste kalte Nachtschicht starten.

Ich sitze noch einen Moment mit Carmen draussen, ich muss erst mal herunterfahren von dieser ganzen Aufregung. Mein Kopf kreist um mögliche weitere Szenarien, welche auftreten könnten, wenn nochmals so viel Wind kommen sollte. Ich mache mir viele Gedanken dazu, ob wir richtig gehandelt haben. Wir haben schliesslich das Grosssegel kaputt gemacht, doch ich komme zum Schluss, dass wir richtig reagiert haben. Es ist das, was sich in diesem Moment richtig angefühlt hat und das ist das was zählt. Ich liege im Bett und denke mir, was für ein Tag das war. Es dauert lange bis ich einschlafen kann, meine Ohren sind konstant am lauschen ob nochmals solche Böen über uns her fallen. Zum Glück werden wir mehr oder weniger verschont und langsam kann ich loslassen und einschlafen.

Celina - 30.04.2026

Wir verbrachten nun fast die ganze zweite Hälfte im Schichtbetrieb. Auch tagsüber waren selten mehr als zwei draussen. Aufgrund der Bedingungen das Sinnvollste. Es war einfach kalt. Und nun am letzten Morgen entdecken Iuna und Aurel Faial, Azoren. Wir haben es fast geschafft. Der Wind nimmt ab, bis er ganz abstellt und wir auf den letzten Meilen motoren müssen. Bei diesen Bedingungen kommen wir doch noch alle an Deck zusammen, bevor wir ankommen. Wir haben uns ein bisschen vermisst und berichten was in den letzten Tagen so passiert ist. Es tut gut sich zu sechst nochmal zu finden, bevor wir dann wieder zu zwölft sind.

Die Inseln kommen also immer näher. Solea fährt zuerst in den Hafen und ankert. Dann biegen wir um die Hafenmauer und Annso und Noah fahren uns schon mit dem Dingi und einem erhobenen Glas Wein entgegen. Wir legen im Päckchen an und dann nehmen wir uns alle in die Arme. 

Schön diese Gesichter wieder zu sehen. Und passend zum kalten Wetter stossen wir mit Glühwein an und feiern unser Ankommen. Wir haben es noch einmal geschafft. Ohne Kompasslicht und Generator, mit ein paar geflickten Stellen im Grosssegel und schimmligen Wänden. Aber wir alle haben es heil über den Atlantik geschafft. Zum zweiten Mal!

Carmen - 30.04.2026

We made it!!! 

Was sich für uns alle nach einem riesigen Brocken und eigentlich der grössten Herausforderung unserer Reise angefühlt hat, haben wir jetzt einfach gemeistert und wir würden es alle sofort wieder machen! Es war eine so unglaubliche Erfahrung, die schwer ist in Worte zu fassen. 

Die Natur nochmals so extrem zu erleben auf unseren mickrigen Booten (wir sind deutlich die Kleinsten hier im Hafen), dem Regen, Wind, Wellen ausgesetzt zu sein und das einfach gemeinsam durchzuziehen war eine sehr stärkende und erfüllende Zeit. 

Jeder Tag war anders, wir hatten einige Fronten, die uns trotz sorgfältiger Wetteranalyse ziemlich gut getroffen haben, jedoch immer wieder Sommer-Sonne-Sonnenschein-Pausentage dazwischen. Wir hatten die schönsten Sonnenuntergänge die ich je gesehen habe, die vielfältigsten Wolkenbilder und Wetterlagen, ein Sternenhimmel wie in der Wüste, Wellen bis 5 Meter (isch tatsächlich bitz crazy) und Wind von 12kn bis 47kn (was definitiv bitz z’viel isch..). 

Es haben alle am selben Strang gezogen, wir hatten mega tolle Znächt, Gespräche, Geburtstags-Parties, Rätselzeit und Beisammensein trotz nicht einfachen Bedingungen! 

Auch der letzte Tag war nochmals gemütlich. Es wurde gemeinsam auf Deck bei Sonnenschein gezmörgelt, einander unsere High- und Lowlights erzählt und sich nochmals ganz ehrlich und wertschätzend über unsere zwei Wochen als Crew ausgetauscht. Die Atlantik-Delfine haben sich nochmals gezeigt und von uns verabschiedet, bevor wir dann vor dem Hafen von Horta unseren Anker gedropped haben. Es war ein wundervolles Wiedersehen, Iuna hat mich ganz fest in die Arme geschlossen und wir teilten einen Moment voller Liebe und Freude! Nach etlichen Funk-Chats und Gesangseinlagen meinerseits war es wundervoll Aurel und Léonie wieder in echt in die Arme zu nehmen und gemeinsam zu lachen! Zu Glühwein und Chipslis haben wir uns in der Abendsonne über unsere Erlebnisse ausgetauscht und waren alle einfach nur happy, erleichtert und stolz! 

Als sich an Land mein Handy wieder mit dem Internet verbunden hat, hatte ich direkt kurz einen Realitätscheck, da plötzlich wieder etliche Nachrichten reinprasselten. Einerseits wunderschön, andererseits auch etwas bedrückend. Obwohl ich mich wahnsinnig auf Zuhause freue, heisst das jedoch auch, dass wir unser Segler:innenleben und unser schwimmendes Zuhause hinter uns lassen müssen. Dass wir unsere Mitbewohner:innen und sehr nahe gewachsenen Freund:innen wieder losziehen lassen müssen und uns wieder um Leben,  Arbeit und Alltag kümmern müssen. Müssen oder dürfen. Wir freuen uns alle sehr, und doch ist es noch unvorstellbar, dass wir in einem Monat wieder zurück in Basel sein werden… 

Well, well, we‘ll take it slow, geniessen noch etwas die kalten Azoren und machen uns nächste Woche auf den Weg ins Mittelmeer.

Be prepared, we are coming back!! 

Dicke Umarmung, 

Eure Transatlantik-Crew! <3

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Dominica, Marie-Galante, Antigua