Dominica, Marie-Galante, Antigua

Am Morgen vom 15. März lichten wir vor Saint Pierre, Martinique, die Anker und ziehen weiter Richtung Dominica. Es ist grau, regnerisch und wir erwarten Wind und Welle von vorne. Gekleidet in Segeljacke und Segelhosen sitzen wir jeweils zu sechst im Cockpit. Flo kann sich den Kommentar nicht verkneifen; er habe sich das also nun wirklich wärmer vorgestellt in der Karibik. Aber so heiss wie wir hier viele Tage erleben, so überraschend frisch sind andere. Und Amwindsegeln ist einfach meistens kalt und nass, sogar in der Karibik. Es liegen 30 Seemeilen vor uns, eine angenehme Tagesetappe. 

Auf Solea übernimmt heute Jakob die Verantwortung und auf Planado ist es Theo, der das Sagen hat. Dass unsere zwei Skipper, Flo und Dshame, sich etwas mehr zurücknehmen und andere Crewmitglieder sich im Entscheidungen-Treffen und Anweisungen-Geben üben, ist die Folge eines längeren Gesprächs vor ein paar Tagen. Wir waren zwar einer Meinung, dass wir als Crew sehr eingespielt sind, dass die Manöver meistens ohne Probleme funktionieren und wenn wir zusammenarbeiten eigentlich nichts Wichtiges vergessen geht. Trotzdem sind sich diejenigen, welche schon Skipper:innen-Erfahrung haben einig: Die volle Verantwortung für ein Schiff zu haben und ein Manöver oder eine Situation so zu verstehen, dass man auch eine unwissende Crew instruieren kann, ist nochmals eine andere Challenge. Auf dieser Überfahrt versuchen sich also Theo und Jakob als Skipper. 

Dominica markiert etwa die Hälfte unserer Karibikzeit und mit der Ankunft auf der neuen Insel kehrt frische Energie in die Gruppe. Wir ankern in der Nähe von Roseau, Dominicas Hauptort. Wir kommen erst an, als die Sonne bereits untergeht, können aber auch im Dunkeln unschwer erkennen, dass diese Insel wieder ganz anders ist im Gegensatz zum europäischen Martinique. Vom Land zieht der Geruch von Grill und verbranntem Müll zu uns herüber und wir hören das Gackern und Krähen von Hühnern und Hähnen gemischt mit fremden Tierlauten aus dem Dschungel. Dominica ist grün und bergig und auch bekannt als „Klein-Jamaika“.  

Wir richten uns für mehrere Tage in der Bucht nahe des Städtchens ein. Unsere Schiffe nutzen wir als Homebase, von wo wir uns auf Wanderausflüge begeben. Carmen wird nochmals richtig krank, Celina und Dshame hüten mit ihr die Schiffe. Wir andern wandern zu Wasserfällen und glasklaren Lagunen mitten im Regenwald. Auf der Vulkaninsel Dominica dampft und brodelt es bis heute an verschiedensten Stellen nur so aus dem Boden. An einem Tag wandern wir zu einem kochenden Kratersee, 800 Meter über dem Meeresspiegel. Der See wird „Boiling Lake“ genannt und ist die zweitgrößte Heisswasserquelle der Welt. Und weil wir es nicht lassen können, buchen wir uns nach der Wanderung direkt eine Nacht in einem Hostel, mit Zugang zu Heisswasserbädern. It´s Spa Time! Und das lassen wir uns alle nicht entgehen. Die, die nicht mit auf die Wanderung gekommen sind, kommen später ins Hostel dazu und auch Carmen lässt sich, sobald sie wieder gesund ist, von Dominicas Heisswasserquellen verwöhnen. 

Wahrscheinlich hat man es uns angesehen, dass wir seit längerer Zeit mit wenig Luxus leben. Denn noch in der selben Bucht lernen wir Nathalie, Will, Dan und Samia kennen, sie liegen mit ihrem grossen Katamaran „He got the House“ gleich neben uns vor Anker. An einem Nachmittag, machen sie mit ihrem Dingi vor Solea einen Stop und laden uns ein, bei ihnen auf dem grossen Katamaran heiss zu duschen. Sie wären zwar nicht hier, aber wir sollen doch einfach rüber fahren und es uns gemütlich machen. Zuerst glauben wir nicht ganz was uns gerade angeboten wurde, sind uns aber alle einig, dass wir sie richtig verstanden haben. Jakob und Iuna verpassen ihre Chance nicht und schleichen mit Badetuch und frischen Kleidern rüber. Vorsichtig erkunden sie das grosse, fremde Schiff und entscheiden welche von den vier duschen sie nun benutzen sollen. 

Später treffen wir die Vier zufällig beim Einkaufen wieder und sie laden uns zum Znacht ein. Sowas ist uns auf dieser Reise bisher noch nicht passiert und einige von uns sind doch ein wenig aufgeregt. Wir sind zum ersten mal alle 12 zusammen eingeladen worden! Es war ein sehr schöner Abend. Sie haben sich richtig um uns gekümmert, gekocht, Drinks gemixt und zum Dessert hat Nathalie für alle Pfannkuchen zubereitet. Am nächsten Tag hat sich Dshame unseren neu gewonnen Freund:innen bei einem Ausflug angeschlossen, während wir anderen die verschiedenen Liegemöglichkeiten auf dem grossen Kat, Eis aus dem Gefrierer und natürlich noch einmal die heissen Duschen ausgekostet haben. Wir wollten uns an diesem Abend revanchieren und haben sie ebenfalls zum Znacht eingeladen. Aus Grill-Gründen, auf ihrem Schiff. Wir haben uns richtig ins Zeug gelegt und alle zusammengearbeitet. Noah, Dshame und Aurel haben eingekauft, Flo, Celina und Annso haben gekocht. Nici stand am Grill, Léonie und Theo haben unsere Lava-Cake Spezialität zum Dessert vorbereitet und am Schluss haben Jakob und Iuna alles wieder abgewaschen. Carmen war immer noch krank in der Koje. Auf der Weiterreise haben wir sie immer wieder angetroffen und jedesmal wurden wir zuverlässig auf eine heisse Dusche und eine Schüssel Eis eingeladen. 

Von Roseau sind wir weiter in den Norden der Insel gesegelt und haben uns vor Portsmouth niedergelassen. Hier haben wir uns Zeit genommen um einige Dinge zu erledigen. Neben dem Insel-Erkunden und dem Organisieren vom Alltag zu zwölft, umfasst dieses Projekt noch vieles mehr. Wir halten stets die Schiffe instand und besprechen die bevorstehenden Routen und sonstige Angelegenheiten, beispielsweise die Kojen-Aufteilung. Zudem müssen Kassenbelege zur Buchhaltung eingetippt, Texte für Blogeinträge und Polar Steps geschrieben und Bilder von unterschiedlichen Kameras zusammengesucht werden. Auch das Segeltraining soll nicht zu kurz kommen und die Hälfte der Crew nutzt an einem Morgen den guten Wind hier im Norden von Dominica um für Manövertraining ein paar Stunden rauszusegeln. Und dann zieht es uns weiter. Wir wollen noch einmal Palmen und weissen Sandstrand geniessen, bevor es dann langsam aber sicher wieder Richtung Europa geht. Wir suchen uns dafür Marie-Galante aus, eine mittelgrosse Insel im Süden Guadeloupe’s.

Wir ankern in seichtem, hellblauen Wasser vor einem wunderschönen Sandstrand. So haben wir uns das vorgestellt. Theo und Iuna machen ihren Open Water Tauchschein und fahren dafür vier Tage in das nächste Städtchen. Aurel findet nochmals Zeit, die ganze Crew, mit Palmen und Schiffen im Hintergrund, abzulichten.

Ursprünglich wollten wir von Marie-Galante weiter auf die Hauptinsel Guadeloupe, um uns auf die bevorstehende West-Ost Passage vorzubereiten. Schnell wird klar, dass die Häfen in Guadeloupe aber keinen Platz für uns haben und wir entscheiden uns auf Antigua zu segeln. 

Es ist Ostersonntag und früh am Morgen verlassen wir Marie-Galante. Wir segeln zur Nachbarinsel um uns auszuklarieren. Wie bereits vermutet, haben jedoch die Büros über Ostern geschlossen. Wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen und widmen uns erstmal einem ausgiebigen Osterbrunch. Dshame hat am Vorabend mit Zwiebelschalen und Rotkohl Eier gefärbt. Nylonstrümpfe hat er nicht gefunden und für die Aktion einfach unser Gemüsenetz aus der Küche abmontiert. Nun freuen wir uns alle sehr über die bunten Eier mit tollem Schlangenhautmuster. Wir planen am nächsten Morgen auszuklarieren und suchen uns für die letzte Anker-Nacht in der Karibik eine wilde Bucht. Theo’s letzter Wunsch für die Karibik ist noch einmal in einer Hängematte am Strand zu schlafen und Aurel’s ein Feuer zu machen. Am nächsten Morgen verabschieden wir uns zum zweiten Mal von Brie und Croissants und segeln nach Antigua.

Jolly Harbour, im Südwesten von Antigua. Es ist unglaublich heiss. Unser Plan war am 10. April bereit zu sein, um mit dem erstbesten Wetterfenster in Richtung der Azoren zu segeln. Dieses Wetterfenster ist dann schneller gekommen als erwartet. Obwohl wir zwei Tage lang alles gegeben haben um am 10. April abfahrtsbereit zu sein, entscheiden wir uns noch zu bleiben. Theo ist krank und wir haben genug Respekt vor der Überfahrt als dass wir mit nur einer halbfitten Crew loswürden. Ausserdem stellt sich beim Sicherheitscheck der Schiffe heraus, dass bei einer Unterwant vier Litzen gebrochen sind.

Vier Tage später geht es Theo besser und eine neue Want ist montiert. Während wir diesen Blogeintrag fertigstellen, werden die letzten Dinge besorgt und verräumt, die Küchen und Kojen amwindfest gemacht, die letzten Bücher getauscht. Mit etwas Wehmut und viel Vorfreude treten wir morgen unsere Heimreise an. 

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