Unsere letzten Seemeilen (Portimão - Portisco)

In Portimão, im Süden Portugals, warten wir bis sich der Wind zu unseren Gunsten dreht. Zu der Zeit bläst er mit bis zu 40 Knoten vom Mittelmeer raus auf den Atlantik. Da wir genau da hin wollen, ins Mittelmeer, macht das Weitersegeln für uns keinen Sinn. Wir verbringen also eine sonnige, bunte jedoch auch intensive Woche in Portimão.

Seit vielen Wochen sind wir auf dem Heimweg und das Heimkommen löst nicht bei allen dieselben Gefühle aus. Viele freuen sich. Vielleicht sogar so sehr, dass sich der Weg verständlicherweise langsam etwas in die Länge zieht. Bei anderen löst das Heimkommen eher Stress aus. Wir waren eine lange Zeit weg und sich von diesem kurzen, aber intensiven Lebensabschnitt in den nächsten zu wagen, bedeutet eine Umstellung. Für uns als Gruppe bedeutet es, dass sich die Bedürfnisse stärker unterscheiden, als in den vergangenen Monaten. Während die einen mit dem Kopf schon Zuhause sind und für die Gruppe nicht mehr soviel Energie und Begeisterung übrig haben, legen andere nochmals besonderen Wert darauf gemeinsam schöne Momente zu kreieren. Wir machen auf jeden Fall beides, wobei die gemeinsamen Momente in dieser Woche den individuellen Plänen eher mal weichen müssen. Es ist eine von wenigen Wochen dieser Reise, in der wir uns als 12er-Gruppe kaum zu Gesicht bekommen. An den meisten Morgen stehen alle zu unterschiedlichen Zeiten auf, um sich dann in der Küche unabhängig von der Gruppe ein Frühstück zuzubereiten. Das ist zwar ungewohnt, aber nicht gezwungenermassen etwas Negatives, einige hätten sich diese Flexibilität auf der Reise sogar mehr gewünscht. Was dabei vielleicht verloren geht, ist das Zusammengehörigkeitsgefühl. Möglicherweise brauchen wir die Verschnaufpause auch. Teil einer 12er-Gruppe zu sein ist zwar aufregend, aber auch immer wieder sehr anstrengend. Es bedeutet auf 12 Personen Rücksicht zu nehmen, 12 Stimmungen und immer wieder auch Unstimmigkeiten auszuhalten.

Wir nutzen die Woche jedenfalls, um die Gegend zu erkunden, sind viel mit Bus und zu Fuss unterwegs, sowie auch mit Auto und E-Scooter. Wir fahren nochmals an den Südwestlichsten Punkt des europäischen Festlandes, zu der Klippe, welcher wir vor wenigen Tagen im Morgengrauen entgegen gesegelt sind. Wir liegen am Strand, spielen Frisbee. Nici packt nochmals seinen Kite-Drachen aus und Jakob und Theo testen mit dem Surfboard die Wellen. Wir verbringen ganze Nachmittage in Kaffees, lesen, schreiben in unseren Tagebüchern. Im Kino waren wir auch! In der Ikea auch… Unseren Kissen, Geschirrtüchern und Schneidebrettchen sieht man die Seemeilen mittlerweile an. Wir gehen das letzte Mal auf den Gemüse-Markt, das letzte Mal Trinkwasser einkaufen, das letzte Mal Trinkwasser schleppen, stehen das letzte Mal im Marinabüro vor dem Bücherregal. Dshame und Carmen nutzen die Woche, um in der Gegend Freund*innen und Familie zu besuchen. 

Jeden Tag beobachten wir den Wind und nach sieben Tagen lässt er endlich nach. Rechtzeitig bringt der Segelmacher unsere beiden Grosssegel zurück, bei welchen er die abgenutzten Stellen geflickt und verstärkt hat. Nicht rechtzeitig sind wir blöderweise am geplanten Abfahrtstag im Marinabüro. Als wir loswollen, hat es bereits geschlossen. So verbringen wir noch eine Nacht länger im Hafen, bevor es dann wirklich losgeht. Wir stellen uns auf eine lange und abwechslungsreiche Etappe ein.

Iuna

Für die letzte Etappe von Portimão in Portugal, bis Portisco in Italien, brauchen wir eine ganze Weile. Wir müssen uns durch einige Flauten kämpfen. Wobei kämpfen da wirklich das falsche Wort ist. Spiegelglattes Wasser, strahlender Sonnenschein und fast immer eine Handvoll Delfine unterm Schwert, so lässt es sich doch ganz gut aushalten. Auch wenn wir sau langsam unter Motor dahintuckern. Das Einzige was die Nerven echt strapazieren kann, ist der ultra laute Generator, den wir so alle 7-8 Stunden anschmeissen müssen, damit unsere Elektromotoren genug Batterie haben. Aber auch das: Ein mit Ohrenstöpseln zu lösendes Problem. 

Es sind also vor allem gemütliche letzte Meilen auf dem Schiff. Ganz besonders ist natürlich wieder die Durchfahrt durch die Straße von Gibraltar, wo wir den Atlantik verabschieden müssen. Der große Ozean wird wieder zurückgetauscht zum kleineren Mittelmeer. Unsere Home Sea, bekannte Gewässer. Während wir auf die Straße von Gibraltar zufahren, halten wir die ganze Zeit Ausschau nach Orcas, die sich dort gerade zu dieser Jahreszeit viel rumtreiben. Durch den Funk wurde gerade erst noch eine Orca Warnung durchgegeben. Und dann in der Nacht hören Carmen und Annso tatsächlich ein lautes Ausschnaufen und sehen etwas grosses Schwarzes hinter uns abtauchen. Unser Puls geht sofort höher. Wir sind weit und breit das einzige Segelboot und auf die haben sie es ja bekanntlich besonders abgesehen. Also Taschenlampe schnappen und ins Wasser leuchten. Zu unserer Erleichterung stellen wir fest, dass einfach wieder mal ein Haufen Delfine um unser Boot herum spielen. Ihr könnt euch nicht vorstellen wie erleichtert wir sind und wie sehr wir über unsere zittrigen Beine lachen müssen.

Dann geht’s flautig weiter. An den meisten Tagen schaukelt es so wenig, dass wir immer gut kochen, einen Badestopp einlegen, eine Runde Yoga an Deck und sogar bei „voller Fahrt“ auf den Mast klettern können, um einfach mal die Aussicht zu genießen. Eine Nacht müssen wir dann doch nochmal einen Stopp einlegen. Weil Starkwind mit 40 Knoten angekündigt ist, entscheiden wir uns, eine Nacht in einem Hafen auf Menorca anzulegen. Kaum haben wir dies entschieden, lassen wir den Windschatten Mallorca’s hinter uns und bekommen einen Vorgeschmack auf was uns erwartet hätte. Mit 27 Knoten Windböen sowie kurzen und hohen Wellen legen wir die 30 Seemeilen bis nach Menorca zurück. Es gibt also einen kleinen Boxenstopp mit Dusche und Pizza in einem süßen Hafen und früh am nächsten Morgen geht’s dann schon weiter.  

Annso

Bis nach Sardinien werden wir noch einmal fast drei ganze Tage brauchen. Die ersten zwölf Stunden mit circa 20 Knoten Amwind und Wellen, die von letzter Nacht noch gross sind. Für die nächsten Tage ist dann wieder Flaute angesagt und der Wind nimmt auch schon bald stetig ab. So können wir noch einmal friedliche Stunden an Deck verbringen, Podcasts hören, Ukulele spielen und pläuderlen. Am zweiten Tag, später Nachmittag, zeichnen sich langsam Konturen am Horizont ab. Sardinien! Unglaublich… Noch brauchen wir einen halben Tag bis wir die Küste erreichen, das finde ich immer wieder erstaunlich. Segeln ist wirklich eine Geduldsaufgabe. Und ganz ehrlich, ich finde das gut. Das langsame Annähern an das Ende unserer Reise lässt noch einmal Platz für Gedanken und Gefühle. In der ersten Nachtschicht erreichen wir die Westseite von Sardinien. Schon so nah und trotzdem werden wir noch über 24 Stunden bis nach Portisco brauchen.

Die ganze Nacht segeln wir die Westküste hoch und den ganzen nächsten Tag geht es weiter an der Nordküste. Wir haben Glück und der Wind bleibt länger als erwartet, so können wir bis zur Einfahrt in die Strasse von Palau segeln. Das ist ein wunderschöner Moment. Zurück, in einem Segelgebiet, das man kennt. Die Sonne ist gerade am untergehen und das Licht taucht die ganzen kleinen Inseln in wunderschöne Farben. Wir essen gemeinsam Znacht, Ofengemüse und wie könnte es anders sein, Kohlsalat. Auf Solea wird seit dem Nachmittag geaperölet. Stolz segeln sie, immer noch unter voller Genacker-Besegelung durch die Strasse von Palau. Um zehn gehen alle ins Bett und Theo und Léo starten auf Planado mit der Nachtschicht. Mittlerweile unter Motor navigieren wir zwischen den vielen Untiefen und der Betonnung hindurch.

Es ist eine sehr spannende und spezielle Strecke. In dieser Stille und Dunkelheit so nahe an den kleinen Inseln vorbei zu ziehen. Mit unseren drei Knoten Fahrt ist das jedoch keine Hexerei. Wir gleiten durch das spiegelglatte Wasser und hören nur das leise Plätschern an unserem Rumpf, bis wir doch noch den Generator anlassen müssen. Ich bin schon seit Tagen aufgeregt. Wenn wir ankommen, dann wars das! Dann haben wir einfach unser Ziel (oder unseren Start?) erreicht. Es hat sich für mich gar nie nach der letzten Etappe angefühlt. Der nächste Ort war immer das Ziel und jetzt ist halt Sardinien der nächste Ort… aber dann geht es einfach nicht mehr weiter, keine Anker werden mehr gelichtet, keine Festmacher gelöst, keine Segel gehisst. Wir bleiben im Hafen. Ich glaube richtig realisieren werde ich das erst, wenn ich zu Hause bin. Eineinhalb Meilen vor Portisco wecken wir alle. Die Einfahrt in den Hafen, mitten in der Nacht, fühlt sich sehr speziell an. Wir vertäuen unsere Schiffe, Solea gegenüber von uns und auf dem Steg fallen wir uns in die Arme. Freude übers Ankommen kombiniert mit dem Wissen, dass es das letzte Mal ist. Wie selbstverständlich setzten wir uns alle ins Cockpit von Planado, Iuna hat schon Tee gekocht und Dshame stellt seinen Gin, den er in Horta gekauft hat, auf den Tisch. Dass schon drei Uhr morgens ist, scheint niemanden zu kümmern. Dieser Moment ist so entspannt und wir lassen zusammen einige der schönsten Erinnerungen und witzigsten Momente der letzten acht Monate aufleben. 

Léo

Wir sind einfach wieder da, wo wir gestartet sind.  Wieder da, wo wir vor ca. 8 Monaten als nahezu Fremde miteinander in dieses Abenteuer gestartet sind. Mittlerweile kennen wir einander fast in und auswendig. Wissen genau, wer welche Macken hat, wer wie tickt. Sind zusammengewachsen und funktionieren gut als Team. Als Crew. In mir drin herrscht nun ein kleines Durcheinander der Gefühle. Ich werde diese paar schwimmenden Quadratmeter, die wir die letzten Monate unser Zuhause genannt haben, vermissen. Ich werde die Aufregung vermissen, wenn wir an neuen Orten angekommen sind, das Aufwachen in traumhaften Buchten und das viele Baden. Die Zeit, von der wir während der Reise manchmal glaubten, nahezu unendlich davon zu haben. 

Annso

Und jetzt heisst es noch einmal zämme ahpacke! Wir müssen unsere Kojen, die mittlerweile wie kleine Zimmer eingerichtet sind, mit Dekorationen und Bildern an den Wänden, räumen. Jede Rille putzen, jede gesammelte Muschel (we listen and we dooonnnn’t judge) einpacken und das Ganze am besten so, dass wir es auch bis nach Basel tragen können. Am zweiten Abend fahren wir alle gemeinsam mit dem Bus nach Cannigione um unsere Reise so zu beenden, wie wir sie gestartet haben. In der legendären Pizzeria da Serafino e Giovanni gönnen wir uns die lang ersehnte Pizza Scrocchiarella und sardischen Wein. Es fühlt sich ah wie heicho! Wir lassen den Abend am Strand mit Frisbee und Bierchen ausklingen. 

Léo

Hier endet unsere Reise und es geht nicht mehr weiter. Ich kann das irgendwie noch nicht so richtig wahrhaben. In den letzten acht Monaten ging es immer darum, weiter zu segeln. An jedem Ort, an dem wir unsere Schiffe angemacht haben oder unseren Anker gedroppt haben, haben wir das mit dem Wissen gemacht, dass wir unsere Leinen wieder losmachen oder unseren Anker wieder hochkurbelnwerden. Doch diesmal nicht… Das ist irgendwie krass. Richtig wahrhaben werde ich das wahrscheinlich erst, wenn wir auf der Fähre sind und diese ablegt, ohne dass wir die Festmacher lösen oder die Pinne halten. Und dann geht es einfach zurück in die Schweiz. Wir lassen unser jetziges zu Hause im Hafen von Portisco und kehren in unser eigentliches zu Hause zurück. Ich freue mich wieder zu Hause zu sein, meine Ruhe zu haben, genügend Platz und ein Bett auf dem man sich ausstrecken kann, ohne sich an der Bordwand zu stossen. Doch ich werde dieses Leben unterwegs auch vermissen und werde es vermutlich nicht sofort loslassen können. Das Schaukeln beim Schlafen, die Ruhe in den einsamen Buchten, die wunderschöne Sicht vom Meer auf die nächste angesteuerte Insel und die heftigsten Sonnenauf- und untergänge mitten auf dem Ozean werden mir fehlen. Doch sie machen sich auch als schöne Erinnerung für mich oder andere zum teilen.

Theo

Redaktion und Kritik, sowie (Anmerkungen in Klammern) - Carmen

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Azoren und unsere letzte Atlantik-etappe