Unsere Erste Atlantik- Etappe
Wir segeln über den Atlantik und langsam realisieren wir, den ersten Monat unserer Reise auf dem Mittelmeer verbracht zu haben. Fast alle waren dort schon einmal segeln, es fühlt sich irgendwie gewohnt und gemütlich an. Auch wenn man bei einer Überfahrt kein Land mehr gesehen hat, waren wir nie wirklich weit davon entfernt. Eigentlich ja fast noch zu Hause… Während dieser Zeit konnten wir uns nur vage vorstellen, wie die Atlantikwellen wohl sein werden, wie es sein wird, fünf bis 15 Tage am Stück unterwegs zu sein, ohne dazwischen Land und ruhiges Wasser zu spüren. Wir zogen los auf den Atlantik mit der Hoffnung, fast schon Erwartung, auf konstanten Wind, langen Wellen und sommerlichen Temperaturen.
Und jetzt sind wir hier auf den Kanaren. Unsere erste längere Überfahrt auf dem Atlantischen Ozean verlief sehr gemütlich. Von Gibraltar los durch die Meerenge, von Delfinen begleitet an der Küste von Marokko vorbei aufs offene Meer. Tag für Tag haben wir immer mehr diese bekannten Atlantikwellen kennengelernt. Sie wurden länger, grösser und langsamer. Beim Beobachten von Solea verschwand sie immer wieder hinter einem Wellenkamm und tauchte wenig später wieder auf. Uns beschäftigen, neben den Wellen, auch die neuen Dimensionen. Es ist ein spezielles Gefühl, dass die nächste Insel oder die nächste Küste nicht gleich hinter dem Horizont wartet. Die Tiefe unter einem, die langen Wellen und die ewige Weite um uns herum haben sich verändert.
Dazu kommt eine neue Crew-Aufteilug, die auch in der neuen Gefühlswelt mitspielt. Beziehungen und Dynamiken verändern sich, andere Personen werden einem vertrauter und man lernt sich wieder neu kennen. Und doch ist auch alles wie immer, hier auf dem weiten Meer.
Wir segeln, steuern, kochen, navigieren, singen, schlafen. Wir stehen am nächsten Tag wieder auf und wiederholen alles von vorne. Wegen der anbrechenden Weihnachtszeit hören wir mittlerweile auch Weihnachtslieder, was ein neues Gefühl mit sich bringt. Wir versuchen mit einer Kerze zum ersten Advent die Weihnachtsstimmung hier auf das Boot zu bringen, aber bei Sonne und in kurzen Hosen funktioniert das für uns Schneeweihnachtler*innen noch nicht so ganz. Nach vier Tagen und Nächten kommen wir auf La Graciosa in einer wunderschönen Bucht an. Die kleine Vulkaninsel mit einem markanten Vulkan an der Westseite lässt uns alle bei der Anfahrt staunen. Eine wunderschöne und für uns ganz neue Landschaft. Die nächsten Tage bewandern wir den Vulkan und geniessen unseren ersten Strandtag. Dies zwar noch im Pulli, aber die Zehen tief im Sand vergraben. Wir lassen unserem inneren Kind freien Lauf, lassen Drachen steigen, üben unsere Handstände und Überschläge, es wird sich im Sand ausgetobt und wir beenden den schönen Strandtag mit einem gemeinsamen Picknick-Apero zum Sonnenuntergang.
Weiter ging es dann nach Lanzarote. Wir mieten zwei Autos und cruisen einmal quer durch die Insel. Das Feuergebirge zeigt uns eine beeindruckende Landschaft mit einem ewig weiten Meer aus Vulkangestein und Kratern. Mit dem nächsten guten Wind zogen wir weiter nach Santa Cruz de Teneriffa. Da wir ein Stag ersetzen müssen und es nicht wirklich gut geschützte Buchten zum Ankern gibt, entscheiden wir uns, etwas widerwillig, nochmals ein paar Tage in einem Hafen zu verbringen. Wir verbringen die nächsten Tage mit reparieren, ersetzen, Inselerkundungen, einkaufen und abwarten...
Kurz bevor wir weiter wollen, sehen wir, dass uns das Wetter einen Strich durch unseren Plan zieht und wir ein paar Tage Gewitter & Starkwind abwarten müssen. Wir alle lernen, mit dem nichtplanbaren Segelleben umzugehen... Die erzwungene Wartezeit gibt uns jedoch auch viel Zeit und wir bestellen noch einige Teile für reparaturbedürftige Ecken an Bord. Wir lassen unser Rigg checken und machen unsere beiden Schiffe fit für eine Überfahrt.
Wenn man so lange an einem Ort bleibt, macht man auch viele schöne und spannende Hafen-Begegnungen. Wir geniessen Pelle, unseren Nachbars-hund, ein Schiffskätzchen kommt uns besuchen und wir tauschen uns mit unseren Steg-Nachbar*innen aus. Joe, unser Rigg-Checker, laden wir zum Znacht ein und es ergeben sich ein zwei Bier mit anderen Crews. Wir warten auf ruhigere See und guten Wind um Europa dann finally hinter uns zu lassen und den Inseln von Kap Verde entgegen zu segeln.
Und dann, nach über einer Woche Hafen, geht es endlich weiter. Die Zeit in Santa Cruz hat sich irgendwie gezogen, vor allem am Schluss. Wir haben hier ganz deutlich gemerkt, dass Pläne schmieden beim Segeln nicht wirklich funktioniert. Man muss einfach mit dem Wind gehen.
Auch wenn uns die Stadt sehr gefallen hat, mit all den Bäumen zwischen den Häusern und der tollen Stimmung, freuen wir uns alle aufs Weitersegeln. Doch schon vor Abfahrt werden die ersten krank. Auf der anstrengenden flautenreichen Fahrt auf die letzte Insel der Kanaren fällt dann die halbe Segelcrew aus. Deshalb verlängern wir unsere Zeit auf La Gomera von zwei auf vier Tagen. Auch diese Insel können wir noch mal geniessen bevor wir weiter segeln.
Tja so ändern sich Pläne und eigentlich immer zum Besseren. Und dann verlassen wir Europa nun wirklich, mit einem südwestlichen Kurs auf die Kap Verden.